Deutsche Unternehmen gehen wieder auf Einkaufstour

Im Frühjahr schien der Ausverkauf deutscher Unternehmen nach China in vollem Gange. Der Hunger der Käufer aus dem Reich der Mitte war schier unstillbar. Doch nun halten deutsche Konzerne wieder dagegen.
23.06.2016 23:37
Die deutschen Unternehmen sind auf Shoppingtour.
Die deutschen Unternehmen sind auf Shoppingtour.
Bild: ZVG

Bei fünf der zehn grössten angekündigten Fusionen und Übernahmen in Deutschland im ersten Halbjahr traten nach Daten von Thomson Reuters heimische Firmen als Käufer auf. "Deutsche Unternehmen haben das Selbstvertrauen zurückgewonnen, Zukäufe anzupacken", sagt Investmentbanker Dirk Albersmeier, der für JPMorgan das Beratungsgeschäft bei Fusionen in Europa leitet. "Davon werden wir im zweiten Halbjahr noch mehr sehen."

Überstrahlt wird die Rangliste von der 62 Milliarden Dollar schweren geplanten Übernahme von Monsanto, mit der Bayer sich im Fusionskarussell der Chemie-Branche behaupten will. Doch das sei für deutsche Firmen nicht typisch, meint Albersmeier. BASF, Evonik oder Kion gäben lieber eine bis vier Milliarden Euro aus, um ihr Geschäft zu arrondieren, und profitierten von der wachsenden Bereitschaft amerikanischer Rivalen, Randbereiche abzustossen. "Wir arbeiten zwar an einer ganzen Reihe auch grösserer Transaktionen - aber es ist unsicher, wie viele davon wirklich das Licht der Welt erblicken", sagt Albersmeier. "Es geht darum, nicht immer grössere, sondern bessere Unternehmen zu schaffen."

Grenzüberschreitende Unternehmenskäufe boomen

Auch die Fusionen von Bayer und Monsanto sowie zwischen der Deutschen Börse und der Londoner LSE sind noch längst nicht in trockenen Tüchern. Ihre Ankündigung sorgt aber dafür, dass Transaktionen mit deutscher Beteiligung schon zur Jahresmitte ein Volumen von 120 Milliarden Dollar erreicht haben - mehr als im ganzen Jahr 2015. Vergleicht man jeweils das erste Halbjahr, liegt Deutschland sogar 172 Prozent im Plus. Vor allem im Ausland gehen die Deutschen auf Einkaufstour: Bis Mitte Juni haben sie grenzüberschreitende Unternehmenskäufe für 89,8 Milliarden Dollar öffentlich gemacht - vor einem Jahr waren es gerade mal 6,7 Milliarden gewesen.

Deutsche Unternehmen sind meistens spät dran, wenn es darum geht, auf den Fusions-Zug aufzuspringen. Weltweit flaut der Boom schon wieder ab. Der Wert der angekündigten Übernahmen ist im ersten Halbjahr um fast ein Viertel auf 1,47 Billionen Dollar gesunken. Rainer Langel, der Deutschland-Chef der australischen Investmentbank Macquarie, sieht dunkle Wolken am Horizont. "Die Preise sind zurzeit schon sehr ambitioniert und erreichen langsam das Niveau des Boom-Jahres 2007. Teilweise wird bereits aggressiver finanziert als damals", warnt er. Dabei könne sich die Konjunktur binnen 18 bis 24 Monaten eintrüben und die Börsen nach unten ziehen. "Wer ein Unternehmen verkaufen will, sollte das jetzt tun - das Fenster könnte sich bald schliessen."

Chinesen bleiben umtriebig

Chinesische Käufer lassen sich von Konjunkturzyklen freilich kaum stören. Im ersten Halbjahr waren sie mit Übernahmen für 8,2 Milliarden Dollar die umtriebigste Nation in Deutschland. Das grösste Aufsehen erregte die bis zu 4,5 Milliarden Dollar schwere Offerte für den Augsburger Roboterbauer Kuka, die auf Bedenken aus der Politik stösst. "Sie trauen sich mittlerweile auch grosse Transaktionen mit börsennotierten Unternehmen zu", sagt Thomas Schweppe von Goldman Sachs. Die US-Bank berät Kuka. "Wir erwarten, dass sich dieser Trend auch im zweiten Halbjahr in aller Deutlichkeit fortsetzen wird."

Rainer Langel hält in Deutschland auch Zukäufe von Chinesen in einer Dimension wie bei der Schweizer Syngenta für möglich, für die ChemChina 43 Milliarden Dollar geboten hat. Interventionen aus Berlin könnten dabei allerdings schaden. "Die Industrie hat durchaus Angst, dass ihr die Politik in die Quere kommt. Das könnte dem Geschäft in China schaden." Anders als in den USA seien chinesische Unternehmen als Firmenkäufer bisher hierzulande durchaus willkommen.

In Übernahmeprozessen seien sie deutlich professioneller und schneller geworden, sagt Macquarie-Vertreter Langel. Sie hätten viel dazugelernt. Trotzdem bleibt China für Investmentbanker auf der Suche nach Beratungsmandaten oft unberechenbar. "Der logische Käufer ist nicht immer der wahrscheinliche", sagt JPMorgan-Banker Albersmeier. Oft spielten eher politische und persönliche Beziehungen eine Rolle - oder übergeordnete Aspekte. So sei zu erklären, dass ein Chemiekonzern einen Kunststoff-Maschinenbauer wie KraussMaffei kauft. "Entscheidend ist manchmal weniger, wie gut der jeweilige Zukauf zum Käufer passt. Es geht vor allem darum, was China insgesamt nach vorne bringt."

(Reuters)