Deutschlands Banken leiden - und die Politik schaut zu

Wirtschaftlich ein Riese, in der Finanzbranche ein Zwerg - so sehen Analysten Deutschland und seine Banken.
26.08.2016 20:00
Die deutsche Bankenmetropole Frankfurt.
Die deutsche Bankenmetropole Frankfurt.
Bild: cash

Die Deutsche Bank und die Commerzbank fallen beim Blick auf Börsenwert und Renditen im internationalen Vergleich immer weiter zurück. Und bei den Landesbanken verhindern regionale Befindlichkeiten grössere Schritte zur Konsolidierung. Doch die Berliner Politik lässt das Thema einfach laufen - und könnte von den Problemen bald eingeholt werden, warnen Branchenexperten. Die Rechnung wird womöglich teuer. "Wenn es keine Industriepolitik gibt, die den Finanzsektor steuert, dann wird die Branche noch viel schneller und dramatischer schrumpfen als ohnehin schon", sagt Jan Pieter Krahnen, Bankenprofessor an der Universität Frankfurt, im Gespräch mit Reuters.

Analystin Katharina Barten von der Ratingagentur Moody's findet einen anschaulichen Vergleich: "Die Politiker haben den deutschen Bankensektor immer wie einen Versorger betrachtet", erklärt sie. So lange Privatkunden günstig an Konten, Firmen problemlos an Kredite gekommen seien und die Wirtschaft am Laufen gehalten hätten, sei alles in Ordnung gewesen. Doch nun offenbaren die Niedrigzinsen, die sich tief in die Bilanzen fressen, den jahrzehntelangen Reformstau. Nachhaltige Geschäftsmodelle werden dringend gesucht.

Banken sparen

Wechselprämien und Gratiskonten, mit denen der Wettbewerb um Privatkunden angeheizt wurde, können sich die Banken immer weniger leisten. Auch das üppige Filialnetz streichen sie zusammen. Im vergangenen Jahr wurden 1300 Filialen geschlossen, 34.000 sind noch übrig. "Richtig sparen könnten wir nur, wenn wir uns aus der Fläche zurückziehen würden", sagt Vorstand Josef Paul von der kleinen Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee. Doch das will Paul vermeiden. Er hat Schlagzeilen gemacht, weil er der erste war, der von reichen Kunden Geld dafür verlangt, wenn sie mehr als 100.000 Euro auf dem Konto bunkern.

Denn die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins auf Null gesenkt und verlangt Strafzinsen von Geldhäusern, die über Nacht Geld bei ihr parken. Das alles lässt die Margen erodieren, in Deutschland ganz besonders, sagt Barten. Dass die ersten Banken sich von der Billigkultur verabschieden und wieder Kontogebühren einführen, ändere am Grundproblem nichts: "Ein Bankensystem, das bei den Margen immer schon schwächer war als andere, steht natürlich besonders unter Druck, eine kritische Marke bei der Rendite zu halten."

«Was sollen wir denn tun?»

Besonders offensichtlich ist das Renditeproblem bei den börsennotierten Grossbanken. Sie verdienen kaum noch Geld: Der Umbau und die milliardenschweren Rechtsstreitigkeiten haben die Eigenkapitalrendite bei der Deutschen Bank nach Steuern zuletzt auf 0,1 Prozent schmelzen lassen. Die besonders stark vom Zinsergebnis abhängige Commerzbank kommt auf 2,9 Prozent. Das ist weit entfernt von den eigenen Ansprüchen, die immer noch bei zehn Prozent und mehr liegen, weit weg von europäischen Wettbewerbern und vor allem von den grossen US-Rivalen - mit denen sich die Deutsche Bank traditionell messen will. Und im jüngsten Stresstest zählten Deutsche Bank und Commerzbank unter 51 Grossbanken in Europa zu den zehn Instituten, die in einer neuen Krise mit der dünnsten Kapitaldecke dastünden.

In Berlin werde die Schwäche der Grossbanken durchaus wahrgenommen, berichtet ein hochrangiger Regierungsvertreter. "Aber was sollen wir denn tun?" Bei der Commerzbank, die der Bund in der letzten Finanzkrise rettete, fehlt jede Perspektive, wie er ohne Verluste aussteigen kann. Der Kurs müsste sich dazu mehr als verdreifachen. Die Branche räumt Nachholbedarf ein: "Fakt ist, dass wir zu viel Kapazitäten im Markt haben - und zu wenig grosse schlagkräftige Einheiten", sagt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB). Immer wieder gibt es Gerüchte, aus Commerzbank und Postbank könne eine grosse deutsche Privatkundenbank geschmiedet werden. Erhärten lassen sie sich bisher nicht.

Die Aufsicht geht in Verteidigungsstellung: "Es ist nicht die Aufgabe der Politik, sich für einzelne Institute einzusetzen", sagte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret zu Reuters. Sie müsse die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Da die grössten Banken seit Ende 2014 von der EZB beaufsichtigt werden, sei ihre Entwicklung zudem keine nationale Angelegenheit mehr, sondern eine europäische.

Jeder kämpft für sein Königreich

Banken-Professor Krahnen legt den Finger in eine weitere Wunde: "Ein Problem ist auch, dass wir einen sehr grossen öffentlich-rechtlichen Bankensektor haben, dessen Struktur im Grunde Wettbewerb nicht zulässt." Zwar nehmen immer mehr der gut 400 Sparkassen in der Not Anläufe zu Fusionen, doch scheitern diese ebenso regelmässig an regionalen Eitelkeiten. Auch bei den Landesbanken ist die Lust auf Zusammenschlüsse versiegt, denn die Eigner verteidigen ihre Pfründe - dem föderalen System sei Dank. Ein Durchregieren aus Berlin ist deshalb hier am schwersten vorstellbar. Jüngstes Beispiel: Die Gedankenspiele zu einer Fusion von Helaba und Dekabank. Die Sparkassen in Baden-Württemberg sind dagegen. Sie fürchten Machteinbussen für die LBBW.

Die Volks- und Raiffeisenbanken sind schon weiter. Nach mehreren gescheiterten Anläufen haben sich jetzt die beiden Spitzeninstitute DZ Bank und WGZ zur drittgrössten Geschäftsbank in Deutschland zusammengetan. Das spart pro Jahr mindestens 100 Millionen Euro. Die Zahl der Genossenschaftsbanken dürfte noch in diesem Jahr auf weniger als 1000 sinken. Vor 25 Jahren waren es noch mehr als 3000. BdB-Mann Kemmer ist zufrieden: "In den einzelnen Säulen ist die Konsolidierung schon auf gutem Weg." Man müsse abwarten, ob es irgendwann auch sektorübergreifende Zusammenschlüsse gebe. "Ich schliesse das nicht aus. Aber das ist ein Thema, das heute überhaupt nicht auf der Agenda steht."

Das Bundesfinanzministerium findet sowieso, je mehr Geldhäuser desto besser: "Deutschland hat gerade in der Finanzkrise von der Diversität seines Bankensystems mit einem Mix aus international und regional tätigen, kleinen und grossen Banken profitiert." Doch wie geht es mit den beiden Grossbanken weiter? Muss der Staat noch einmal in die Bresche springen? Im Notfall - aber nur dann - würde auch die Politik aufwachen: Sollten Deutsche Bank oder Commerzbank kippen, werde die Regierung nicht tatenlos zusehen, sagt ein Insider.

Für Regulierungsexperte Krahnen wäre das jedoch nicht der richtige Weg: "Es ist eine falsche, aber weit verbreitete Annahme unter Politikern, dass man schwache Institute stabilisieren muss." Vielmehr müsse es eine Marktbereinigung zu Gunsten der Starken geben dürfen. Die nationale Brille müsse man dabei absetzen. In den letzten Jahren habe sich die Finanzbranche zu sehr hinter die Landesgrenzen zurückgezogen. "Das ist eine sehr negative Entwicklung. Was wir in Europa brauchen, sind europäische Banken."

(Reuters)