Die Biosimilars kommenWildert Novartis-Tochter Sandoz schon bald bei Roche?

Roche muss sich warm anziehen, erhält die Novartis-Tochter Sandoz in Europa doch die Zulassung für eine eigene Version des Verkaufsschlagers Rituxan. Die Anleger reagieren überraschend besonnen.
19.06.2017 13:31
Von Lorenz Burkhalter
Novartis in Basel: Der Hauptsitz im Morgenlicht.
Novartis in Basel: Der Hauptsitz im Morgenlicht.
Bild: Bloomberg

Sandoz wartet am frühen Montag mit bahnbrechenden Neuigkeiten auf: Die Europäische Arzneimittelbehörde gibt der auf Nachahmermedikamente spezialisierten Novartis-Tochter grünes Licht für eine eigene Version von Rituxan, einem vom Platzrivalen Roche entwickelten Krebsmedikament.

Des einen Freud, des anderen Leid. Denn während das Biosimilar bei Sandoz Millionen von Franken in die Kasse spülen dürfte, droht Roche beim milliardenschweren Originalpräparat eine langsame Umsatzerosion. Ausserdem könnte die vorliegende Marktzulassung weiteren Nachahmermedikamenten den Weg ebnen. Mit Rituxan/Mabthera setzte Roche im vergangenen Jahr nicht weniger als 7,3 Milliarden Franken um.

Vorerst reagieren die Anleger gelassen.  Während die Aktie der Sandoz-Mutter Novartis an der Schweizer Börse SIX um 0,6 Prozent höher bei 78,60 Franken gehandelt wird, weiss sich der Genussschein von Roche mit einem Minus von 0,1 Prozent auf 253,90 Franken zu behaupten.

Der für Baader-Helvea tätige Pharmaanalyst sieht bei Roche allerdings einen Sturm am Horizont aufziehen. Anders als viele seiner Berufskollegen rechnet er damit, dass Biosimilars sich bei den umsatzreichsten Medikamenten des Pharma- und Diagnostikkonzerns über die nächsten fünf Jahre mit bis zu 30 Prozent in den Umsatz fressen. Zum Vergleich: Von den Konsenserwartungen lässt sich für die betroffenen Präparate für diese Zeit nur einen Umsatzrückgang von 10 bis 15 Prozent ableiten. Der Experte stuft den Genussschein von Roche deshalb nur mit "Hold" und einem Kursziel von 241 Franken ein. Die Aktie von Novartis empfiehlt er hingegen mit einem Kursziel von 85 Franken zum Kauf.

Nur mässige Verdienstmöglichkeiten bei Biosimilars

Im hiesigen Handel wird die vorliegende Marktzulassung hingegen als ein Meilenstein für Novartis bezeichnet. Zumindest in einer ersten Phase sollten Biosimilars wie jenes für Rituxan rentabler als andere Medikamente der auf Nachahmerpräparate spezialisierten Tochter Sandoz sein, so heisst es.

Wie die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley in einer Branchenstudie warnt, eröffnet sich Herstellern wie Sandoz auf diesem Gebiet zwar ein riesiges Umsatzpotenzial. In Anbetracht des intensiven Wettbewerbs sind die Gewinnaussichten dem Studienautor zufolge jedoch eher gering. Das würde auch die eher unterkühlte Reaktion der Novartis-Aktie erklären.

Anders als bei Baader-Helvea empfiehlt Morgan Stanley den Genussschein von Roche mit "Overweight" und einem Kursziel von 290 Franken zum Kauf. Im Gegenzug rät die Investmentbank der Kundschaft dazu, die mit "Underweight" und einem Kursziel von 75 Franken eingestufte Aktie von Novartis zu meiden.

Wie einem Kommentar aus dem Hause Julius Bär entnommen werden kann, war die Zulassung des Biosimilars für Rituxan weitestgehend erwartet worden. Dementsprechend spiegelt sie sich bei Roche bereits in den zukünftigen Umsatz- und Gewinnerwartungen wider. Wie der Autor weiter schreibt, ist das Unternehmen jedoch auf die Einführung neuer Medikamente angewiesen, um das Wachstum aufrecht behalten zu können. Er hält sowohl an der Kaufempfehlung als auch am Kursziel von 288 Franken fest.

Roche-Paket als "problematisch" empfunden

Weiterhin negativ gibt sich hingegen der Berufskollege von HSBC. Er hält die von Biosimilars ausgehende Umsatzerosion bei Roche für unterschätzt. Zudem glaubt der Analyst nicht, dass die Basler den wegfallenden Medikamentenabsatz mit jungen Produkten auffangen können. Er empfiehlt den Genussschein deshalb als einziger seiner Berufsgruppe mit "Reduce" und einem Kursziel von gerademal 215 Franken zum Verkauf.

Als "problematisch" empfinden Beobachter das Roche-Paket von Novartis. Ein Angriff von Sandoz auf Roche sei nur schwer vorstellbar, solange das Mutterhaus substanziell am Platzrivalen beteiligt sei, so lautet der Tenor. Als Vermächtnis aus der Ära Vasella kontrolliert Novartis knapp einen Drittel der Stimmen.