Die Börsen-Prognosen stehen nun auf dem Prüfstand

Nach dem Brexit-Schock werden die Karten an den nervösen Börsen neu gemischt. Das britische Pfund bleibt billig, Gold und Staatsanleihen sind begehrt. Eine Übersicht.
09.07.2016 08:34

Zwar konnten sich Europas Aktienmärkte, allen voran der britische Leitindex "Footsie", nach ihrem Absturz wieder fangen. Doch die Nervosität hält an. Das britische Pfund bleibt auf Talfahrt, Investoren fliehen in vermeintlich sichere Anlagen wie Gold und Staatsanleihen. Von den Notenbanken erhoffen sich Börsianer weitere Beruhigungspillen. Mit steigenden Leitzinsen und anziehenden Bond-Renditen rechnet an der Börse momentan kaum einer.

Das Kapital ist ein scheues Reh

Aktienstrategen raten zur Vorsicht. "Die Gefahr eines Ausverkaufs ist nicht gebannt", betont Analyst Markus Reinwand von der Helaba. "Im Zuge eines sehr schwachen Konjunkturwachstums weltweit, speziell aber auch in der EU, sollten im kommenden Jahr die Unternehmensgewinne bei europäischen Unternehmen kaum wachsen", betont DZ-Bank-Analyst Christian Kahler. Er sieht den deutschen Leitindex Dax in einem Jahr bei rund 10'000 Punkten, momentan notiert er bei 9500 Punkten.

Lars Skovgaard Andersen, Investmentstratege von Danske Invest, sieht Potenzial für vereinzelte Kursgewinne bei Firmen aus Branchen wie Telekommunikation, Konsum und Pharma. Europäische Bankaktien müssen dagegen mit anhaltend starkem Gegenwind rechnen.

Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer ist zuversichtlicher: "Die hohe Unsicherheit an den globalen Finanzmärkten dürfte in den kommenden Wochen schrittweise sinken." Ein monatelange Baisse wie nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 sei nicht zu erwarten.

Notenbanken im Krisenmodus

Mit steigenden Leitzinsen und anziehenden Renditen von Staatsanleihen rechnet kaum noch ein Börsianer. Joseph Gagnon, ehemaliger US-Notenbanker und derzeit leitender Wissenschaftler der Denkfabrik Peterson Institute for International Economics, hält statt einer weiteren Leitzinserhöhung in Amerika sogar eine Absenkung des Fed-Schlüsselsatzes auf minus 0,25 Prozent von aktuell plus 0,25 bis 0,5 Prozent für möglich. Dann könnte erneut Qantitative Easing (QE) in Gebrauch genommen werden. Die dritte Runde der stützenden Wertpapierkäufe der amerikanischen Notenbank war im Oktober 2014 zu Ende gegangen, im Dezember 2015 hatte sie die Zinsen erstmals seit fast zehn Jahren angehoben.

Viele Experten gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik im vierten Quartal noch weiter lockert. Auch die Bank von England (BoE) komme um eine Wiederauflage des QE kaum herum, betont David Blanchflower, Wirtschaftsprofessor am Dartmouth College und ehemaliger britischer Notenbanker. "2008 hatten wir eine tiefe Wirtschaftskrise. Jetzt haben wir eine Wirtschaftskrise, verstärkt durch eine tiefe politische Krise."

Vor diesem Hintergrund müssen Anleger auch weiterhin dafür bezahlen, Staaten wie Japan, Deutschland oder der Schweiz Geld leihen zu dürfen. Der Rating-Agentur Fitch zufolge rentieren derzeit weltweit Papiere im Volumen von elf Billionen Dollar unter null Prozent. Das ist etwa das Dreifache der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Pfund im Abwärtsstrudel

Das Pfund Sterling wird bei weiteren geldpolitischen Lockerungen der BoE unter Druck bleiben. Zudem sehen Devisenanleger das politische Hickhack im Land kritisch. So ist etwa noch nicht sicher, wann Grossbritannien den Austritt aus der EU offiziell erklärt und ein neuer Premierminister muss gefunden werden.

Ein grosser Belastungsfaktor sind auch die wirtschaftlichen Folgen des Brexit. "Wenn voraussichtlich im dritten Quartal die ersten negativen Zahlen zur Konjunktur kommen oder wenn die ersten Unternehmen sich aus Grossbritannien zurückziehen, wird das Pfund stark unter Druck kommen", prognostiziert Helaba-Analyst Ralf Umlauf.

Der Euro kann sich dem Abwärtssog nicht entziehen. "Bis zum Jahresende ist die Parität zum Dollar möglich", sagt Umlauf. Es wäre das erste Mal seit 2002, dass Euro und Dollar gleich viel kosten. Derzeit müssen Anleger für einen Euro rund 1,12 Dollar auf den Tisch legen.

Gold als «sicherer Hafen»

Der Preis für Gold steigt nach dem Referendum immer weiter und lag zuletzt mit 1371 Dollar je Feinunze auf dem höchsten Stand seit März 2014. Die Credit Suisse rechnet damit, dass sich die Feinunze Gold in der zweiten Jahreshälfte auf mehr als 1400 Dollar verteuert. "Gold hat nach dem Brexit-Votum gezeigt, dass es als sicherer Hafen taugt", sagt Commerzbank-Rohstoffanalyst Daniel Briesemann. "Wir sehen nicht viele Gründe, weshalb sich das schnell ändern sollte."

(Reuters)