Die Gewinner und Verlierer tiefer Zinsen

Die Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank haben eine Kehrseite für die an der Börse gehandelten Unternehmen. Goldman Sachs sagt welche und nennt Gewinner und Verlierer der aussergewöhnlichen Geldpolitik.
29.08.2016 08:28
Von Lorenz Burkhalter
Goldman Sachs zählt Fiat Chrysler zu den Gewinnern rückläufiger Refinanzierungskosten.
Goldman Sachs zählt Fiat Chrysler zu den Gewinnern rückläufiger Refinanzierungskosten.
Bild: Pixabay

Schon seit Monaten kauft die Europäische Zentralbank (EZB) neben Schuldverschreibungen und Staatsanleihen auch Unternehmensanleihen, und das im grossen Stil. Neuerdings erhält sie dabei Unterstützung von der Bank of England. Auch diese hat mit dem Aufkauf von Schuldtiteln erstklassiger Firmenschuldner begonnen, um die Folgen des Brexit zu dämpfen.

Im Zuge dieser Liquiditätsflut sind die Refinanzierungskosten für an der Börse gehandelte Unternehmen in unseren Breitengraden kräftig gefallen, wie die folgende Grafik zeigt. Den Aktienstrategen von Goldman Sachs zufolge kommt diese Entlastung vielen Unternehmen gerade gelegen. Ihren Berechnungen zufolge sind die Zinskosten bei den europäischen Firmen ausserhalb des Finanzsektors über die letzten drei Jahre um 100 Basispunkte gefallen.

Vorsicht vor steigenden Pensionsverpflichtungen

Ein weiterer Rückgang der Zinskosten um 50 Basispunkte würde die Unternehmensgewinne um durchschnittlich 2 Prozent steigen lassen, so die Experten weiter. Ihrer Anlagekundschaft raten sie in diesem Zusammenhang zum Kauf der Aktien von Fresenius, Orange, Imperial Brands und Fiat Chrysler. Diese vier Firmen bezahlen derzeit noch überdurchschnittlich hohe Zinsen, können fällig werdende Verpflichtungen allerdings schon bald günstiger refinanzieren. Aus Schweizer Sicht wird der Pharmakonzern Roche namentlich als Gewinner genannt.

Doch wie alles andere im Leben haben die tiefen Zinsen auch eine Kehrseite. Gerade in der beruflichen Altersvorsorge bekommen die an der Börse gehandelten Unternehmen diese nämlich in Form fallender Renditen zu spüren. Dadurch steigen die Pensionsdefizite, welche früher oder später über die Erfolgsrechnung gedeckt werden müssen. Wie die Aktienstrategen von Goldman Sachs schreiben, sind diese Defizite seit Ausbruch der Finanzkrise in den Jahren 2007/08 kontinuierlich gestiegen.

Beschleunigung der Übernahmetätigkeit zu erwarten

Zu den am stärksten davon betroffenen Unternehmen zählen die Experten Lufthansa, Volkswagen, Tesco sowie Energias de Portugal. Anleger sollten die Aktien dieser Firmen meiden. Schweizer Unternehmen werden in dieser Kategorie übrigens keine erwähnt.

Noch unklar seien die Auswirkungen rückläufiger Refinanzierungskosten auf die Investitions- und die Übernahmetätigkeit, so heisst es bei Goldman Sachs. Allerdings lässt man bei der amerikanischen Investmentbank keine Zweifel daran, dass diese in beiden Fällen eigentlich eine Beschleunigung zur Folge haben müssten.