«Die glorreichen Sieben» der Schweiz

Schon seit Wochen ziehen in der Schweiz sieben Aktien viel Geld an. Der Preis dafür ist eine mittlerweile stattliche Bewertung. Ein Überblick.
09.12.2015 00:01
Von Lorenz Burkhalter
Zählt auch zu den "glorreichen Sieben" an der Schweizer Börse: Die Aktie des Berner Gesundheitskonzerns Galenica.

Mit den meisten im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Aktien haben Anleger zuletzt bloss Geld verloren. Die Musik spielt derzeit bei vielen Small- und Mid-Caps. Speziell eine Gruppe von sieben Aktien zieht das Investoreninteresse in den letzten Wochen und Monaten an. 

Dass diese Aktien schon seit einiger Zeit von einem Hoch zum nächsten klettern, hat ihnen im Profihandel den Beinamen "die glorreichen Sieben" eingebracht. Sie alle stehen weit oben in der bisherigen Jahresbestenliste. Ein Über- und Ausblick über die Aktien der Stunde:

Galenica: Sofern der in Bern beheimatete Gesundheitskonzern in den nächsten Wochen nicht noch mit einer Hiobsbotschaft aufwartet, ist seiner Aktie die Goldmedaille so gut wie sicher. Diese wird sich Martin Ebner um den Hals hängen können. Über Patinex und die BZ Bank kontrollieren der Financier und seine Frau letzten Offenlegungsmeldungen zufolge gut 18 Prozent der Stimmen.

Im bisherigen Jahresverlauf hat sich der Börsenwert von Galenica nahezu verdoppelt. Noch bis vor wenigen Monaten ein beliebtes Opfer ausländischer Hedgefonds, ist aus dem hässlichen Entlein ein stolzer Schwan geworden. Die deutlich besser als erwartete Gewinnentwicklung in der ersten Jahreshälfte und die Aufnahme der Aktie in die viel beachteten Aktienindizes von MSCI zwangen die
Hedgefonds reihenweise in die Knie- und dazu, ihre Wetten gegen das Unternehmen zu schliessen.

Seit wenigen Wochen wird Galenica zudem als möglicher Nachfolger für Transocean im prestigeträchtigen SMI gehandelt. Im Hinblick auf die für Ende 2016 geplante Aufspaltung in zwei voneinander unabhängige Publikumsgesellschaften sind diese Hoffnungen jedoch fehl am Platz. Dass die Summe des Werts der beiden Geschäftsbereiche in Expertenkreisen nur auf 1100 bis 1400 Franken geschätzt wird, zeigt, wie stolz die Unternehmensbewertung inzwischen ist.

Ypsomed: Auch beim Hersteller von Injektionsstiften und -systemen hatte Martin Ebner bis vor wenigen Monaten seine Finger im Spiel. Ende Oktober sah sich Ypsomed zu einer Erhöhung der Jahresprognosen veranlasst. Alleine seit damals hat die Aktie rund 30 Prozent gewinnen. Und das, obwohl sich der Firmengründer und Mehrheitsaktionär Willy Michel im November von Aktien im Gegenwert von gut 17 Millionen Franken getrennt hat.

Nach mehreren Übergangsjahren hat das Unternehmen endlich auf den Wachstumspfad zurückgefunden. Nicht nur von den Analysten, auch von den Anlegern erhält Ypsomed bereits Vorschusslorbeeren: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 48 ist selbst für einen Medizinaltechnikhersteller mehr als stolz. Der Grund für die hohe Bewertung ist auch bei der schlechten Handelbarkeit der Aktie zu suchen. Selbst nach dem Verkauf von Aktien durch den Grossaktionär befinden sich nur 26 Prozent aller Aktien im breiten Publikum.

VZ Holding: Der Finanzdienstleister steht nicht umsonst hoch in der Gunst der Anleger, hat er in den letzten Jahren doch alles richtig gemacht. Die gewachsene Skepsis gegenüber Banken spielt dem Unternehmen uns seiner Produktunabhängigkeit in die Hände. Seit Anfang Jahr ist der Börsenwert von VZ Holding um knapp 83 Prozent gestiegen. Das dürfte aus heutiger Sicht für einen Podestplatz reichen.

Die Qualitäten der Aktie haben allerdings ihren Preis: Auf den diesjährigen Schätzungen errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 24, was ganz am oberen Ende der historischen Bandbreite liegt. Stumme Zeugin ist auch die gerademal bei 1,6 Prozent liegende Dividendenrendite.

Gategroup: Nach einem erfolgreichen Börsendebut machte der Caterer in den letzten Jahren eine schwere Zeit durch. Nach mehreren Ergebnisenttäuschungen und Gewinnwarnungen in Folge und einem Betrugsskandal hat die einstige Swissair-Tochter die Kurve gekriegt. Das Unternehmen steht deutlich besser da als noch vor ein paar Monaten. Erst vor wenigen Tagen erhielt es von Analysten Beifall für die millionenschwere Übernahme des schwedischen Mitbewerbers Inflight Service Group. Läuft alles nach Plan, wird diese schon ab dem kommenden Jahr zum Reingewinn beitragen.

Darüber, dass die Gategroup bei millionenschweren Firmenkäufen über keinen allzu guten Leistungsausweis verfügt, wird gut und gerne hinweggeschaut. Unklar bleibt auch, ob der Grossaktionär RBR dem Unternehmen auf lange Sicht die Treue hält. Schliesslich missglückte im Frühjahr ein Putschversuch dieses Hedgefonds. Der letzten Offenlegungsmeldung zufolge hält der Grossaktionär 11,3 Prozent der Stimmen.

Tecan: Auch der Laborausrüster blickt auf keine glorreiche Vergangenheit zurück. Die letzten Jahre sind von Ergebnisenttäuschungen und Verfehlten Erwartungen geprägt. Dennoch wurde dem Unternehmen immer wieder verziehen. Seit Firmenchef David Martyr bei Tecan übernommen hat, wird die amerikanische Fangemeinde beinahe von Tag zu Tag grösser. Nicht ohne Grund: Der früher für den Mischkonzern Danaher tätige Martyr gilt als profunder Branchenkenner und damit als Hoffnungsträger für die wenig verwöhnten langjährigen Aktionäre.

Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass BlackRock die an Tecan gehaltene Beteiligung von 3,05 auf 5,12 Prozent ausgebaut hat. Beteiligungsveränderungen des weltweit grössten Vermögensverwalters wie der vorliegende wird denn auch Signalwirkung nachgesagt. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 21 für das laufende Jahr scheint die Unternehmensbewertung auf den ersten Blick nicht übertrieben. Dennoch waren Anleger selten zuvor bereit, einen solchen Preis zu bezahlen.

Emmi: Der Milchverarbeiter gehört schon seit längerer Zeit zu den Lieblingen von Analysten und Fondsmanagern. Erst Anfang November hielt Emmi in Bern und Ostermundigen einen überzeugenden Investorentag ab. Im Anschluss daran erhöhten gleich mehrere Banken ihre Margenerwartungen für die kommenden Jahre. Tatsächlich verfügt das Unternehmen bei den Margen über Verbesserungspotenzial. Solches wird im in Analystenkreisen vor allem im Auslandsgeschäft nachgesagt.

Zukünftige Fortschritte auf der Kostenseite spiegeln sich schon heute teilweise in der Bewertung wider. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 23 ist diese in etwa doppelt so hoch wie in früheren Jahren.

Kardex: Lange galt der Anbieter von Logistiktechnologie als Geheimtip unter heimischen Fondsmanagern. In den vergangenen Monaten wurde der Rohdiamant nun geschliffen, unter anderem durch BlackRock. Obwohl der Beteiligungsausbau der Amerikaner auf über 3 Prozent nur von kurzer Dauer war, zeigt die Kursentwicklung schon seit Monaten steil nach oben. Alleine seit Jahresbeginn errechnet sich ein ansehnliches Plus von 73 Prozent.

Dennoch gilt Kardex mit Nettobarmitteln von umgerechnet 100 Millionen Franken auch weiterhin als Substanzperle. Die Nachfragesituation ist in den wichtigsten Absatzmärkten ungebrochen gut. Trotz ansprechender Dividende ist die Bewertung an einem Punkt angelangt, an dem sie an ihre Grenzen stösst. Die jüngste Beteiligungsreduktion durch BlackRock spricht Bände.

Fazit: Ein Kursanstieg in luftige Höhen ist auch mit Gefahren verbunden. Wie schnell ein hochgejubeltes Unternehmen an der Börse in Ungnade fallen kann, zeigen der Halbleiterhersteller AMS oder der Finanzdienstleister Leonteq. Bei beiden Aktien mussten Anleger, welche zu Höchstkursen eingestiegen sind, ein teures Lehrgeld bezahlen.

Kurz vor dem Jahresende sind Übertreibungen aufgrund des saisonal bedingt eher dünnen Handels noch viel wahrscheinlicher. Sowieso werden ab dem 1. Januar die Karten an den Aktienmärkten neu gemischt - und ein neues Spiel beginnt.