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Die Lindt-Aktie ist nicht zu bremsen

Die mit Abstand schwerste Aktie der Schweiz eilt weiter von Rekord zu Rekord. Davon profitiert vor allem auch das Management und der VR um Ernst Tanner. Was könnte die Aktie von Lindt & Sprüngli überhaupt aufhalten?
19.11.2015 15:20
Von Pascal Züger
Ernst Tanner ist CEO und VR-Präsident von Lindt & Sprüngli.
Ernst Tanner ist CEO und VR-Präsident von Lindt & Sprüngli.
Bild: cash

Bereits im August berichtete cash über die anhaltende Erfolgswelle der Lindt & Sprüngli-Namensaktien. Damals steuerten die Titel gerade auf ein neues Allzeithoch von 66'000 Franken zu.

Inzwischen sind etwas mehr als 3 Monate vergangen. Und die Titel notieren fast 15 Prozent höher bei 74'740 Franken. Auch am Donnerstag erreichte die Aktie des Schokoladenherstellers ein neues Allzeithoch. Die Jahresperformance beträgt inzwischen 30 Prozent.

Entwicklung der Lindt & Sprüngli-Namensaktie in den letzten 3 Monaten, Quelle: cash.ch

Auch der öfter gehandelte und breiter gestreute Lindt-Partizipationsschein eilt von Rekordhoch zu Rekordhoch. Am Donnerstag steigt er auf 6200 Franken. Seit Mitte 2011 hat er sich damit verdreifacht.

Die Umsatz- und Gewinn-Zahlen des Schokolade-Experten aus Kilchberg enttäuschen die Anleger selten, auch nicht im ersten Halbjahr 2015. Die klare Positionierung im Premium-Segment und permanente Investitionen begünstigen das Wachstum und lassen die Anleger sogar den starken Franken sowie die hohen Kakaopreise vergessen.

Lindt & Sprüngli ist im Premium-Segment weltweit die Nummer eins mit einem Marktanteil von über 30 Prozent. Und genau diesem Segment wird ein hohes jährliches Wachstum von 8 Prozent zugetraut, was deutlich über dem Potential vom üblichen Schokoladenmarkt liegt. Ein weiterer Ausbau des Geschäftsnetzes ist geplant, und neue Märkte sollen in den nächsten fünf Jahren für zusätzliches Wachstum sorgen.

Experten werden skeptischer - mit einer Ausnahme

Die Bank Vontobel setzt bei den Lindt & Sprüngli-Aktien aufgrund den guten Aussichten auf die Signale weiterhin auf "Kauf". Das Abwärtsrisiko sei nach unten begrenzt, ist einem aktuellen Analystenbericht zu entnehmen. Zusätzlich gäbe es weiterhin Gerüchte, dass die Top-3-Player im globalen Schokoladenmarkt an einem Kauf des Schokoladenherstellers am Zürichsee interessiert sind. Und sollte es doch einmal zu einem Kursrückschlag kommen, so hält der Vontobel-Analyst einen Aktienrückkauf des Unternehmens für realistisch, was den Kurs wieder nach oben treiben könnte.

Doch nicht alle Börsenbeobachter sehen die weitere Entwicklung so optimistisch. Je länger die Hausse andauert, umso lauter werden die kritischen Stimmen. Rückstufungen von Analysten häufen sich. Die UBS, die Zürcher Kantonalbank (ZKB) und Goldman Sachs haben allesamt ihre einstige Kaufempfehlung mittlerweile auf ein Halten reduziert. "Vor allem in einem steigenden Aktienmarkt dürfte der Titel Mühe haben, weiterhin eine überdurchschnittliche Kursentwicklung aufzuweisen", ist etwa einem ZKB-Analystenbericht zu entnehmen.

Ein Kursabsturz zeichnet sich bei der Lindt-Aktie zwar nicht ab. Doch gibt es einige Unsicherheitsfaktoren, die dem Wachstumskurs der Aktie ein Ende setzen könnten:

  • Abrupter Anstieg der Rohmaterialpreise: Kakaobohnen sind zwar bereits auf einem hohen Niveau, doch könnte ein ausserordentlich starker El Niño - Meteorologen rechnen um die Weihnachtszeit gar mit dem stärksten seit 15 Jahren - die Kakaoernte vermiesen und entsprechend die Preise für Kakaobohnen noch weiter in die Höhe schnellen lassen.
  • Probleme bei der Integration von Russell Stover: Lindt akquirierte das amerikanische Traditionsunternehmen im Sommer 2014 für 1,5 Milliarden Dollar – was für viele Beobachter ein sehr stolzer Kaufpreis war. Wirft Russell Stover nicht die erwartete Rendite ab,  könnte sich der Kauf als Flop herausstellen.
  • Ein anhaltend starker Franken: Zwar ist der Schokoladeproduzent kein so starkes Frankenopfer wie zum Beispiel der Uhren-Exporteur Swatch, da auch im Ausland produziert wird. Dennoch übt die Frankenstärke einen gewissen negativen Effekt auf die Performance aus, was mit der Zeit am Ertrag nagt.
  • Scheitern der Expansion in die Schwellenländer: Der Umsatzanteil von Schwellenländern beträgt weniger als 10 Prozent des Gesamtumsatzes. Lindt muss sich im diesen Markt noch richtig etablieren. Erschwerend kommt die derzeitige schwierige Lage in den Schwellenländern hinzu, die durch den wohl bald kommenden Zinsanstieg in den USA noch verstärkt werden könnte. Das Interesse an Premiumschokolade könnte sich so in diesen Ländern weiter in Grenzen halten.
  • Unsicherheiten im europäischen Markt: Fast die Hälfte des Umsatzes wird im europäischen Raum generiert. Auch wenn sich im Euro-Raum eine wirtschaftliche Erholung abzeichnet, ist die Lage immer noch labil. Die Märkte sind noch immer auf die Notenbankgelder angewiesen. Sollte der Euro-Raum wieder schwächeln, macht sich das auch beim Lindt-Umsatz negativ bemerkbar.
  • Überbewertung der Aktie: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis 2016 wird auf einen Wert von über 43 geschätzt - das ist eine überaus stolze Zahl. Der ständige Aufwärtsschub des Titels könnte den Aktien früher oder später zum Verhängnis werden und einer Kurskorrektur weichen. 

Auch die Lindt-Führung scheint ob der teuren Bewertung etwas skeptisch zu werden. Im laufenden Jahr kam es zu Titel-Verkäufen im Wert von 135 Millionen Franken, ein Grossteil davon nach der Bekanntgabe der Geschäftszahlen Mitte Juli. Im Vergleich dazu stiess das Management im ganzen Jahr 2014 Lindt-Titel im Gegenwert von vergleichsweise geringen 71 Millionen Franken ab. Laut Lindt & Sprüngli sind die Verkäufe an das Mitarbeiter-Optionsprogramm der Firma gebunden.

Die Hausse bei den Lindt-Titeln macht auch das Management und den Verwaltungsrat von Lindt & Sprüngli wohlhabender. CEO und VR-Präsident Ernst Tanner besass laut Geschäftsbericht von Ende 2014 3103 Lindt-Namenaktien und 6943 Lindt-Partizipationsscheine. Das Paket hat damit einen Wert von 275 Millionen Franken, falls sich Tanner von keinen Titeln getrennt hat. Nicht eingerechnet sind die Optionen (19'750 Stück).

Tanner ist mit seinem Titel-Bestand der zweitgrösste Namenaktionär bei Lindt hinter den Vorsorgewerken von Lindt & Sprüngli. Tanner besitzt damit 1,7 Prozent des Lindt-Kapitals. Gegenüber cash hat Ernst Tanner bereits mehrere Male einen möglichen Split der Namenaktie abgelehnt, zuletzt im Video-Interview im März 2015.