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«Die Märkte sind derzeit schizophren»

Obwohl Europa aktuell einen guten Eindruck macht, warnt Anlagestratege Didier Saint-Georges vor einem Investment in der Eurozone. Und er sagt, weshalb die Erwartungshaltung gegenüber der Fed etwas bizarr ist.
04.11.2015 01:01
Von Pascal Züger
Didier Saint-Georges, Carmignac Gestion, im Börsen-Talk vom 4. November 2015.
Bild: cash

Die Weltwirtschaft befindet sich in einer ungemütlichen Lage. Viele Regionen kämpfen gegen schwindende Wachstumsraten. Das einstige Wachstumswunder China wackelt, Schwellenländer überzeugen auch nicht mehr wie einst, und die US-Wirtschaft präsentiert wieder häufiger enttäuschende Zahlen. Nur Europa scheint sich derzeit verhältnismässig gut aus der Schlinge ziehen zu können, vor allem dank der Notenbankpolitik. 

Sollen nun Anleger bei europäischen Aktien zulangen? Eher nein, sagt Didier Saint-Georges. "Die Aktienmärkte in Europa sind derzeit sehr verletzlich", warnt das Mitglied des Investmentkomitees von Carmignac Gestion, einer französischen Fondsgesellschaft, im cash-Börsen-Talk vor einem allzu starken Investment-Fokus auf die europäische Region. Seiner Meinung nach sind diese Aktien derzeit überbewertet.

Denn weder ein womöglich enttäuschendes Wirtschaftswachstum noch der Deflationsdruck sind laut Saint-Georges in den Kursen eingepreistEs lohne sich deshalb, auch auf Assets mit einer langen Laufzeit zurückzugreifen, "wie zum Beispiel amerikanische Staatsanleihen, die das Portfolio stabilisieren können." Vereinzelt gäbe es laut Saint-Georges auch spannende Titel aus Schwellenländern, auch wenn die Region als ganzes mit Problemen zu kämpfen hat.

Europa nicht glänzend, aber ordentlich

Der Euroraum hat zwar keine glänzenden Wirtschaftsdaten vorzuweisen, diese sind aber zumindest ordentlich. Im zweiten Quartal stieg die Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent, nach 0,5 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres. Angesichts einer negativen Inflationsrate im September muss Draghi allerdings dem Eindruck entgegentreten, sein Programm zum Ankauf von Vermögenswerten bleibe unwirksam. Die EZB erwartet, dass die Teuerungsrate erst gegen Ende 2017 die angestrebte Rate von etwas weniger als zwei Prozent erreicht.

Europa stehe generell auf etwas wackligen Beinen. "Der Haupttreiber hinter dem Anstieg europäischer Aktien ist Mario Draghis Geldpolitik", sagt der Investment-Stratege Saint-Georges. Dadurch seien die Märkte zufriedengestellt worden und werden dies womöglich auch bleiben. Vorletzte Woche hatte EZB-Chef Mario Draghi weitere Lockerungen im Dezember in Aussicht gestellt. Dabei hatte Draghi sowohl eine Ausweitung des milliardenschweren Anleihekaufprogramms als auch eine weitere Absenkung des derzeit negativen Einlagensatzes als Möglichkeiten ins Spiel gebracht.

Für Saint-Georges ist es aber je länger desto weniger gerechtfertigt, gegenüber Märkten positiv gestimmt zu sein, "die schlicht und einfach durch Liquidität getrieben sind, während die echte Wirtschaft nicht nachziehen kann." In Europa sei genau dies der Fall. Kurzfristig funktioniere dieser "Liquiditätstrick", aber in der mittleren Frist sei das weniger überzeugend. Die Euro-Zone sei weiterhin anfällig für externe Schocks.

Yellen in einer ungemütlichen Situation

Spricht man vom Thema Geldpolitik, kommt man um den Namen Janet Yellen nicht herum. Die Chefin der US-Notenbank hat die undankbare Aufgabe, den richtigen Zeitpunkt für den Anstieg der US-Leitzinsen zu erwischen. Das ganze ist ein Dilemma: Zum einen würde ein Zinsanstieg etwas Spielraum verschaffen, um bei einer stärkeren Abkühlung wieder intervenieren zu können. Zum anderen ist bereits eine leichte Verlangsamung des Wachstums eingetroffen und ein Zinsanstieg könnte die Konjunktur noch weiter bremsen.

"Die Märkte sind schizophren", sagt Saint-Georges dazu. Einerseits hätten sie von der Fed gerne ein Vertrauenssignal in Form eines Zinsanstiegs, gleichzeitig realisierten sie aber auch, dass der Anstieg ein Fehler sein könnte.

Früher oder später muss der erste Zinsschritt der US-Fed aber kommen. Ob die Märkte darauf bereits vorbereitet sind und dies gefasst aufnehmen oder gar ein Überreaktion folgt, ist die grosse Frage. Saint-Georges schliesst jedenfalls eine starke Marktkorrektur oder den Beginn eines Bärenmarktes durch die Zinserhöhung nicht aus.

Die Überschussliquidität der Zentralbanken

Im Verlaufe der letzten Jahre haben zahlreiche Notenbanken eine unkonventionelle Geldpolitik verfolgt: Da die Geldmenge im Markt wegen des Nullzinsniveaus nicht mehr wie üblich durch den Leitzins gesteuert werden konnte, führten sie das sogenannte Quantitative Easing (QE) ein. Hier wird Liquidität in die Wirtschaft gepumpt, mit der Hoffnung die Konjunktur ankurbeln zu können. Vorreiter hierbei war die US-Notenbank, andere, zum Beispiel die Schweiz oder die Eurozone, folgten. Es handelt sich dabei quasi um ein grossangelegtes Experiment, da eine solche Geldpolitik in der Praxis zuvor noch nie durchgeführt wurde.

Und für Saint-Georges ist dieses Experiment etwas aus den Fugen geraten: "Als in den USA das QE1 startete, konnte jeder verstehen, dass es notwendig war, um einen grossen Wirtschaftskollaps zu vermeiden". Doch darauf folgten QE2 und QE3, wo es nicht mehr darum ging, eine akute Krise zu bekämpfen. Vielmehr seien sie notwendig gewesen, da man nicht mehr aus der lockeren Geldpolitik rauskomme, weil die Wirtschaft dafür schlicht und einfach nicht stark genug sei. "Es war viel einfacher, das QE zu starten, als wieder raus zu kommen."

Im cash-Börsen-Talk sagt Didier Saint-Georges zudem, weshalb der Deflationsdruck weiterhin sehr hoch ist und ob die US-Notenbank gar noch ein viertes Geldlockerungsprogramm (QE4) einleiten könnte.