Die neue Liebe zu Elektroautos wird teuer

Die Autobranche lässt die Elektromobilität hochleben. Doch für ihre neu entflammte Begeisterung wird sie tief in die Tasche greifen müssen.
02.10.2016 19:14
Tesla machts vor: Deutschlands Autobauer ziehen nach, und es wird für sie teuer.
Tesla machts vor: Deutschlands Autobauer ziehen nach, und es wird für sie teuer.
Bild: iNg

Um Plattformen für die Produktion von Elektroautos aufzusetzen, dürften weltweit dreistellige Milliardensummen anfallen, schätzen Experten. "Allein für die deutschen Autobauer und ihre Lieferanten sind das hohe zweistellige Milliardenbeträge", sagt Peter Fuss von der Beratungsfirma EY. Gleichzeitig müssen die Autobauer digitale Dienste rund um die Mobilität entwickeln. Nur so können sie die gefürchteten Rivalen aus der IT-Welt wie Uber, Apple oder Google auf Distanz halten. Sonst drohen sie, zum Zulieferer zu verkümmern und nur noch die Hülle bereitzustellen, in der das lukrative Datengeschäft passiert.

Da seit Jahrzehnten die Zahl der Modelle und Varianten immer weiter steigt, haben die grossen Hersteller ihre Produktion auf Effizienz getrimmt. Doch auf den Bändern können zwar dank Gleichteile-Strategie viele unterschiedliche Modelle gebaut werden, aber nur solche mit ähnlicher Architektur. Elektroautos sind jedoch völlig anders konstruiert: Statt wie bisher einen Motorblock vorne haben sie ihre Batterie oft unter der Fahrgastzelle.

Sie brauchen einen eigenen Baukasten. "Eine neue Plattform aufzusetzen, dauert Jahre und kostet immens viel Geld", sagt Peter Fintl von der Technologie-Beratungsfirma Altran. Experten rechnen über den Daumen gepeilt mit einer Milliarde Euro pro Plattform. Die Kosten für die Aufrüstung eines Werkes, um parallel Verbrenner- und E-Autos zu bauen, schätzen Fachleute auf mindestens 100 Millionen Euro.

Elektrifizierte Modellpalette

Volkswagen will bis 2025 mit mehr als 30 neuen Modellen zwei bis drei Millionen Elektroautos auf die Strasse bringen und Weltmarktführer werden. Autoexperte Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach leitet, schätzt, dass der Konzern in den nächsten Jahren dafür "zwei, drei Milliarden mindestens für dieses Thema reserviert". BMW will Insidern zufolge nach dem i3 bis spätestens 2019 einen batteriebetriebenen Mini und einen Geländewagen auf den Markt bringen. Zudem soll langfristig die ganze Modellpalette elektrifiziert werden.

Daimler kündigte auf dem Pariser Autosalon für seine mindestens zehn geplanten E-Modelle eine neue Plattform an. Die Modelle der "Generation EQ" werden ausserdem noch vollgepackt mit digitalen Funktionen, Systemen zum autonomen Fahren und mit Mobilitätsdiensten verknüpft. "Das ist ein riesiges Unterfangen, was wir da starten", sagte Daimler-Forschungschef Thomas Weber.

Wie teuer die Wette auf die Zukunft wird, verriet er nicht. Bis 2025 wollen die Schwaben 15 bis 25 Prozent ihres Pkw-Absatzes mit Stromern einfahren. Das sei ein Sprung ins kalte Wasser, ergänzte Weber. "Wir starten jetzt, auch wenn wir nicht wissen, ob die 15 oder 25 Prozent kommen." Ob der "Tipping Point", also die Wende vom Verbrennungs- zum Elektromotor als dominierendem Antrieb, kommt, wurde nicht mehr diskutiert auf der Messe. Die Frage war nur noch: Wann?

Vier Trends gleichzeitig

Parallel zur Elektromobilität müssen die Konzerne ein Geschäft rund um die Mobilität aufbauen. "Es steht ausserfrage, dass digitale Dienste für Autohersteller überlebensnotwendig sind", sagt Technologie-Experte Fintl von Altran. Andreas Hecht von Inrix, einem Anbieter von Echtzeit-Verkehrsinformationen und Zulieferer vieler Fahrzeugbauer, sagt: "Vernetzung wird bald zur Basisausstattung von Autos gehören. Schon heute sind etwa ein Viertel der Neuwagen vernetzt, für das Jahr 2020 liegen gängige Schätzungen zwischen 50 und 70 Prozent."

Die neuen mobilen Geschäftsmöglichkeiten locken allerdings auch neue Spieler auf den Markt - nicht, um Autos zu bauen, sondern um Services anzubieten. Denn hier erwarten Experten Margen bis zu 20 oder gar 30 Prozent vom Umsatz - jedenfalls weitaus mehr als im Autogeschäft, wo die Premiumhersteller kaum über zehn Prozent hinauskommen.

Die digitalen Konzerne wie Google oder Apple gingen anders an das Geschäft heran, sagt Autoexperte Bratzel. "Die denken anders: schneller, vom Kunden her und gleich global." Doch bei den Autokonzernen hat das Umdenken längst eingesetzt. "Vernetzung, autonomes Fahren, Sharing und Elektromobilität - jeder dieser vier Trends hat das Potenzial, unsere Branche auf den Kopf zu stellen", sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche. "Die Revolution ist, die vier Trends intelligent zu verknüpfen."

(Reuters)