Die neue Schweizer 50'000-Franken-Aktie

Erstmals seit Langem kostet an der Schweizer Börse eine einzelne Aktie sage und schreibe 50'000 Franken. Weshalb die Lindt-&-Sprüngli-Aktie jetzt nur noch ein «Ja, aber...»-Kauf ist.
15.01.2014 09:23
Von Pascal Meisser
Schokoladepralinen von Lindt & Sprüngli.

Am Dienstagabend um 17:07 Uhr war es soweit: Erstmals in der Geschichte der Schweizer Börse ist ein Titel über die Marke von 50'000 Franken geklettert. Die Namensaktie von Lindt & Sprüngli legte im Laufe des Tages über 2 Prozent zu und schloss auf 50'165 Franken. Zuvor hatte das Unternehmen ein Umsatzwachstum vermeldet, das deutlich über den Erwartungen lag. Alleine in den letzten 52 Wochen steigerte Lindt & Sprüngli den Unternehmenswert um einen Drittel.

Auch der deutlich leichtere Partizipationsschein erreichte am Dienstag mit 4'142 Franken ein Allzeithoch. Der Handel im PS ist wegen des tieferen Kurswerts deutlich liquider und deshalb besonders bei privaten Anlegern bei weitem beliebter als die Namensaktie. 

Beide Titel setzen ihren Steigflug am Mittwoch fort. Die Namenaktie notiert bei 50'250 Franken und der Partizipationsschein bei 4145 Franken.

Überzeugt hat die Aktionäre vor allem das organische Wachstum im 2013 von Lindt & Sprüngli. Mit 8,6 Prozent war das Wachstum das höchste seit 2007 (10,6 Prozent). Angetan zeigen sich auch die Analysten. "Lindt glänzt mit starkem Umsatzwachstum", titelt etwa die ZKB in ihrem Kommentar. "Wiederum starkes organisches Wachstum", heisst es bei J. Safra SarasinVontobel spricht vor allem von einem starken zweiten Halbjahr, dies trotz hoher Vergleichszahlen aus dem Vorjahr. "Ein umwerfendes Resultat", so der zuständige Analyst.

«Schwerste» Aktie der Schweizer Börse

50'000 Franken - eine solch "schwere" Aktie hat auch die Schweizer Börse SIX schon lange nicht mehr gesehen. In den 1980-er Jahren notierte der Genussschein von Roche in noch viel höheren Sphären. Um die 350'000 Franken musste damals für den "Bon" bezahlt werden. Danach wurde der Genussschein nicht weniger als drei Mal gesplittet. Und 2007 kletterte die Aktie der Privatbank Rothschild in auf ein Rekordhoch von 45'555 Franken. Inzwischen hat sich die Aktie aber auf rund 15'000 Franken gedrittelt. 

Nimmt man das nebenbörsliche Segment dazu, zählt auch der Titel der Neuen Zürcher Zeitung zum Segment der superschweren Aktien. Die Aktie der altehrwürdigen Zürcher Zeitung notierte im Sommer 2007 bei knapp 90'000 Franken. 2011 wurde der Titel im Verhältnis 1:100 gesplittet. 

Auch auf internationaler Ebene ist das Gewicht der Lindt-&-Sprüngli-Aktie bemerkenswert. An den weltweit wichtigsten Börsen wird der Kurs der Schweizer Schoggi-Aktie lediglich von Warren Buffets Berkshire Hathaway übertroffen. Deren Aktie notiert seit Jahren jenseits der 100'000-Dollar-Marke. Aktuell kostet ein Berkshire-Titel knapp 170'000 Dollar. 

Weiterhin ein Kauf

Einzelne Marktbeobachter empfehlen die Aktie weiterhin zum Kauf, obwohl der Kurs optisch hoch ist und der Titel mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2014 von 33 stolz bewertet sind. Die Bank Vontobel und die UBS stufen Lindt & Sprüngli mit "Buy" ein, wobei das Kursziel von 51'500 Franken bald überholt sein dürfte. 

Die UBS rechnet in einer kürzlich publizierten Studie auch für dieses Jahr mit einem überdurchschnittlichen Wachstum von 6,8 Prozent, was Lindt & Sprüngli erstmals in der Geschichte einen Umsatz von mehr als drei Milliarden Franken bescheren würde. 

«Lasche Corporate Governance»

Auch der Zuger Vermögensverwalter Marc Possa, der für J. Safra Sarasin den Nebenwertefonds SaraSelect leitet, sieht noch Potenzial nach oben: "Der Titel hat noch Spielraum, weil Anleger derzeit kaum um Aktien herum kommen." Die Suche nach Rendite werde auch die überdurchschnittlich hoch bewerteten Aktien weiter nach oben spülen. 

Selber hält Possa allerdings keine Lindt-&-Sprüngli-Aktien in seinem Fonds. Nicht etwa wegen des hohen Aktienkurses, sondern "wegen der laschen Corporate Governance bei Lindt & Sprüngli", wie Possa im Gespräch sagt. Hier stelle sich ein grosses Fragezeichen. 

Stein des Anstosses ist der Patron des Unternehmens, der bald 68-jährige Ernst Tanner. Der gebürtige Schaffhauser ist zugleich CEO und Verwaltungsratspräsident des Unternehmens. Eine Doppelfunktion, die nach heutigem Corporate-Governance-Verständnis verpönt ist. Zudem kontrolliert Tanner sich selber über ein Bollwerk, das die Pensionskasse des Unternehmens in ihrem überobligatorischen Teil aufgebaut hat. Dort hält die Kasse ausschliessllich Lindt-Aktien, was sie mit 21 Prozent zu der mit Abstand grössten Aktionärin der Firma macht. 

Die Quintessenz von Fondsmanager Possa lautet deshalb: "Wer in Lindt-Aktien investiert, muss damit umgehen können, dass der CEO primär seine Partikularinteressen lebt und beispielsweise bald seinen Sohn in die Geschäftsleitung portiert."

Insider-Verkäufe sorgten für Aufsehen

Für Aufsehen sorgte zudem ein grösserer Insider-Aktienverkauf im letzten Herbst. CEO Tanner und seine Mitstreiter aus der Konzernleitung verkauften PS im Wert von 34 Millionen Franken. Diese Aktion taxiert Patrick Schwendimann als belastenden Faktor - trotz des weiterhin steigenden Aktienkurses. "Das könnte darauf hindeuten, dass selbst die Unternehmensführung nicht mehr an grosse Kursgewinne glaubt", so der Analyst der Zürcher Kantonalbank. 

Fraglich ist zudem, wie sich der gestiegene Preis für Kakaobutter - einer der wichtigsten Rohstoffe für Schokolade - auf Lindt & Sprüngli auswirken wird. Kakaobutter ist seit 2012 viermal teurer geworden. Diese Mehrkosten wird der Schokoladehersteller nicht vollumfänglich auf die Kunden überwälzen können, was sich negativ auf die Margen auswirkt.