Die neue Strategie der Commerzbank

In der deutschen Commerzbank herrscht Unruhe. Die Strategie des Chefs Martin Zielke lautet in erster Linie: sparen.
30.07.2016 10:05
Die Commerzbank ist Deutschland zweitgrösste Bank: Gebäude in Frankfurt.
Die Commerzbank ist Deutschland zweitgrösste Bank: Gebäude in Frankfurt.
Bild: cash

Seit Martin Zielke die Unternehmensberater von McKinsey ins Haus geholt hat, jagt bei der Commerzbank eine Strategiesitzung die nächste. Es herrscht Unruhe: In der Mittelstandsbank suchen die ersten Berater angesichts des bevorstehenden Stellenabbaus das Weite, in der Investmentbank fürchtet man den Verlust der Eigenständigkeit, und der Online-Broker Comdirect ist noch auf der Suche nach seiner neuen Rolle im Konzern.

Vorstandschef Zielke arbeitet an einem Plan, wie die Commerzbank in fünf Jahren aussehen soll. Bis Ende September will er die Strategie fertig haben, wie aus Aufsichtsratskreisen verlautet. Doch die Botschaft des 53-Jährigen an die 52'000 Commerzbanker zeichnet sich schon heute ab: Sparen, sparen, sparen.

"Alles, was man da neben Kostensenkungen verkünden wird, hat nur einen Zweck: übertünchen, dass es eigentlich um ein reines Sparprogramm geht", sagt ein langjähriger Manager. Zielke sei schliesslich vor allem wegen seiner Qualitäten als Sanierer an die Spitze der Bank gehievt worden.

Die Zeit drängt: Im zweiten Quartal ist der Rückstand auf die letzte Erfolgsbilanz seines Vorgängers Martin Blessing noch grösser geworden. Um den Ausstieg des Staates, der immer noch 15 Prozent an der Bank hält, ist es angesichts eines Aktienkurses von weniger als sechs Euro still geworden. Das spiegelt auch das fehlende Vertrauen der Anleger in Zielke wider. "Man sollte nicht noch mehr Zeit vergehen lassen. Die Konkurrenz entwickelt sich schliesslich auch weiter", drängt Metzler-Analyst Jochen Schmitt auf schnelle Entscheidungen.

Altes Aushängeschild ist neues Sorgenkind

Als Privatkunden-Chef der Commerzbank hatte Zielke noch einen Ausweg gefunden, um die darbende Sparte auf Vordermann zu bringen: Tausende Arbeitsplätze wurden gestrichen, doch die Erträge stiegen, und aus dem einstigen Mauerblümchen wurde ein Gewinnbringer, der auch bei niedriger Zinsen verlässlich eine halbe Milliarde Euro abwirft. Dass still und heimlich die eine oder andere Filiale geschlossen wurde, fiel erst spät auf. Doch das Wachstum, das der Bank diesmal Rückenwind geben könnte, ist nicht in Sicht.

Neues Sorgenkind ist das langjährige Aushängeschild, die Mittelstandsbank. Sie war in der letzten Sparrunde praktisch ungeschoren davongekommen und steht Insidern zufolge nun vor den grössten Einschnitten. Denn die niedrigen Zinsen und die geringe Kreditnachfrage fressen sich in ihre Erträge.

Dazu kommt die Dezimierung des Netzes an Banken, mit denen die Commerzbank im Aussenhandel zusammenarbeitet. Das soll unliebsame Überraschungen verhindern, die sie der Bank etwa eine milliardenschwere Strafe für den Verstoss gegen Iran-Sanktionen eingebrockt haben, kostet aber Erträge. Die Digitalisierung macht Handarbeit überflüssig. Bis zu 20 Prozent der 5700 Arbeitsplätze stehen laut Insidern in der Mittelstandsbank zur Disposition.

Höhere Erträge sind schwierig

"Der neue Vorstandschef wird nicht darum herumkommen, die Profitabilität der Bank zu steigern", fasst Bankanalyst Schmitt zusammen. "Dabei sind Kostensenkungen kaum vermeidbar, weil es schwer ist, höhere Erträge zu erzielen." Zehn Prozent weniger Kosten seien drin, rechnet einer der zehn grössten Commerzbank-Investoren vor. "Die Bank hat ein reines Rendite-Problem - das ist schliesslich keine Non-Profit-Organisation."

Blessing hatte sich zuletzt damit zufriedengegeben, die Kostenbasis bei sieben Milliarden Euro zu halten - und damit das Ziel verfehlt, die Kosten auf ein Niveau zu drücken, mit dem die Bank wettbewerbsfähig wäre.

Der strategische Handlungsspielraum sei "verdammt gering", sagt ein deutscher Fondsmanager. In der Investmentbank hegt man die Befürchtung, dass man an die Mittelstandsbank angedockt werden könne, als "verlängerte Werkbank" - zum Missfallen der stolzen Kapitalmarktexperten. "Ich weiss nicht, was das bringen sollte", sagt ein Commerzbank-Investor. In Aufsichtsratskreisen herrscht ebenfalls Skepsis: "Das wäre das völlig falsche Signal."

Chef Zielke ist abgetaucht

Auch bei Comdirect herrscht Unruhe: Der ehemalige Chef des Online-Broker, der neue Privatkundenvorstand Michael Mandel, hat seine früheren Kollegen aufgeschreckt, als er eine engere Zusammenarbeit mit der Internet-Tochter einforderte. Auch über eine Integration in die Commerzbank denkt Mandel laut nach - in Zeiten, da die Mutter selbst zu einer Art Online-Bank mit angeschlossenen Filialen werden will. Doch das kostet mehr Geld als es bringen würde. Mit einem Abbau der Beteiligung liessen sich dagegen einige hundert Millionen Euro Kapital freisetzen.

Zielke selbst ist abgetaucht. Seit seinem Amtsantritt im Mai absolvierte er nur einen öffentlichen Auftritt: die Vorstellung der Sponsoring-Vereinbarung mit der Fussball-Nationalmannschaft. Er koste die 100 Tage aus, die neue Firmenchefs gewöhnlich als Schonfrist bekommen, sagt ein Vertrauter - auch wenn er die Commerzbank seit 2002 in- und auswendig kennt.

(Reuters)