Die Schweizer Food-Nebenwerte heben ab

Anleger aus dem In- und Ausland stürzen sich auf kleinere Aktien aus dem Schweizer Lebensmittelbereich. Die Titel profitieren mitunter vom Anlagenotstand an den Märkten.
04.12.2015 00:01
Von Daniel Hügli
Wurstproduktion bei Bell in Basel.
Wurstproduktion bei Bell in Basel.
Bild: ZVG

Dem jahrelang soliden Geschäftsverlauf zum Trotz sprach in der Vergangenheit nicht viel dafür, Unmengen Geld in die Aktie des Basler Fleischverarbeiters Bell zu stecken. Die Auschüttungsquote beträgt bloss 30 Prozent, die Dividendenrendite erreicht überschaubare 2 Prozent, und der Grossaktionär Coop mit einem Bell-Anteil von 66 Prozent sorgt für relativ geringe Handelbarkeit der Aktie und damit für kaum Übernahmefantasie.

Dennoch legt der Aktienkurs von Bell in letzter Zeit massiv zu. Seit Ende August verteuerte sich die Aktie um über 30 Prozent. Besonders markant ist der Kursanstieg in den letzten vier Wochen, wie folgende Grafik zeigt. 

Aktienkurs von Bell in den letzten zwölf Monaten (Quelle: cash.ch)

Die Anleger liessen sich auch nicht abhalten von einer 100-Millionen-Euro-Busse. Diese hat das deutsche Kartellamt Mitte 2014 gegen Bell für Preisabsprachen in von Bell übernommene Firmen in Deutschland ausgesprochen. Gegen diese Busse wehrt sich der Basler Fleischverarbeiter und hat auch keine Rückstellungen gebildet.

Bei Bell selber sieht man keinen unmittelbaren Grund für die Steigerung des Aktienkurses: "Wir hören auch keine Gerüchte, die kursfördernd wären", sagt Davide Elia, Leiter Marketing und Kommunikation, auf Anfrage von cash. Gehört hat Bell allerdings einiges von anderer Seite. "Wir hatten in den letzten sechs bis zehn Monate vermehrt Anfragen von Analysten und Investoren aus der Schweiz, Europa und den USA, die mehr von uns wissen wollten", so Elia.

Der Grund für den steilen Anstieg des Aktienkurses liegt primär im Anlagenotstand der Investoren. Im Umfeld des Tiefzinsniveaus loten sie zunehmend Anlagemöglichkeiten bei Nebenwerten aus, die noch einigermassen günstig zu haben sind. Das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis von Bell liegt in der Tat noch immer bei relativ moderaten 13 für das Jahr 2016.

Das Argument der Geldschwemme sieht auch Elia. "Wir gehen davon aus, dass sich die Investoren auch angesichts der Liquiditätsschwemme im Markt sich vermehrt für solide Nebenwerte mit gutem Ergebnisausweis in der Vergangenheit interessieren." Gerade im Lebensmittelbereich spielten für Anleger auch Werte wie Sicherheit und Langfristigkeit eine grosse Rolle, so Elia. Einer des Anlagefonds, der bei Bell zugegriffen hat, ist Sara Select. Beim Small-/Mid-Cap-Fonds der Bank J. Safra Sarasin war Bell noch im Frühsommer nicht unter den ersten zehn Positionen vertreten. Ende Oktober sind die Bell-Aktien die fünftgrösste Position mit einem Fondsanteil von über 5 Prozent.

Jetzt noch auf den Zug aufspringen?

Sollen Anleger nun noch auf den Bell-Zug aufspringen? Wohl hat der Wursthersteller, der den Gewinn im ersten Halbjahr 2015 um 15 Prozent auf 32 Millionen Franken steigern konnte, weitere Auslandsexpansionspläne, um Gegensteuer zum gesättigten Heimmarkt zu geben. Vor allem im deutschen Convenience-Markt sieht Bell Übernahmeziele und Wachstumsmöglichkeiten. Als Langfrist-Anlage ist Bell zweifellos ein gutes Investment. Denn noch im Jahr 2002 lag der Kurs bei 500 Franken, heute auf dem Rekord-Niveau von 3360 Franken.

Und doch sollten Investoren bei Kurssteigerungen wie bei Bell wohl lieber auf Rückschläge warten. Das zeigt die Entwicklung von anderen Food-Nebenwerten der Schweiz. So erfuhr die Aktie der Ostschweizer Nahrungsmittelgruppe Hügli von Anfang 2014 bis Mai 2015 mit einer Steigerung von über 50 Prozent einen ähnlichen Anstieg wie Bell in den letzten Monaten. Seit Mitte Jahr hat sich die Hügli-Aktie beruhigt und etwa 5 Prozent nachgegeben. 

Auch weitere Schweizer Nahrungsmittelaktien aus dem Small/Mid-Caps-Bereich haben sich in letzter Zeit prächtig entwickelt. Die Aktie des Luzerner Milchverarbeiters Emmi legte von Mitte Juli bis Anfang November gegen 40 Prozent zu. Seither konsolidiert der Titel. Mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 für 2016 ist die Aktie auch nicht mehr billig.

Interessante Hochdorf-Aktie

Interessanter ist diesbezüglich der Titel von Hochdorf, der Hersteller von Milchpulver und Babynahrung aus der gleichnamigen Ortschaft. Das geschätzte KGV für 2016 beträgt gerademal 9. Auch die Hochdorf-Aktie hatte im Herbst eine guten Lauf und stieg immerhalb von wenigen Wochen um fast 20 Prozent, nachdem die Aktie im Frühjahr bereits ebensoviel zugelegt hatte:

Aktienkurs von Hochdorf in den letzten 12 Monaten (Quelle: cash.ch)

Auch hier ist nun einen Konsolidierung im Gange, die Anleger im Auge halten sollten. Operativ rechnet Hochdorf mit einer jährlichen Umatzzunahme von bis 20 Prozent im Bereich Babynahrung.

Noch im vollem Aufwärtsmodus befindet sich die Aktie des Zürcher Fleischveredlers Orior ("Rapelli"-Salami). Sie erreichte am Donnerstag bei über 61 Franken ein neues Rekordhoch. Die Kurssteigerung seit Ende September beträgt fast 20 Prozent. Orior ist umsatzmässig etwa fünfmal kleiner als Bell, bei der Bewertung der Aktie liegen beide Titel etwa gleichauf. Wie Bell will auch Orior im Ausland durch Zukäufe wachsen. 

Was die Aktie im Vergleich zu Bell interessanter macht: Das Aktionariat ist breit gestreut. Die acht grössten Investoren halten drei und mehr Prozent am Unternehmen, darunter viele Anlagefonds. In anderen Worten: Orior will nicht bloss selber andere Firmen übernehmen, sondern ist selber ein attraktives Übernahmeobjekt.