«Dieselgate» lastet auf Genfer Automesse

Es ist reiner Zufall: Die Veranstaltungshalle in Genf, in der Volkswagen in den vergangenen Jahren am Vorabend des Autosalons stets seine zwölf Marken pompös inszenierte, ist abgerissen.
27.02.2016 05:32
Nissan Esflow Concept am Autosalon in Genf 2011.
Nissan Esflow Concept am Autosalon in Genf 2011.
Bild: autoblog.com

Trümmer und Neuanfang - so könnte man auch die Lage von VW im Kampf mit dem Skandal um manipulierte Diesel-Abgaswerte beschreiben. Ganz anders will sich VW deshalb in der kommenden Woche auf der Genfer Automesse präsentieren: Der Wolfsburger Konzern wählte für die Auftakt-Show einen kleineren Rahmen in einer Messehalle. Geladen sind nur noch 500 Gäste - etwa halb soviele wie bisher. Und auch auf die Riesenshow mit Lichteffekten und ohrenbetäubender Musik, mit der VW die Top-Modelle vom Golf bis zum Bugatti in Szene setzte, wird diesmal verzichtet. Konzernchef Matthias Müller will eine neue, bescheidenere Unternehmenskultur rüberbringen.

Außer dem Konzernchef soll der neue Leiter für die Digitalisierung des Autogeschäfts, der frühere Apple - und Daimler -Manager Johann Jungwirth, eine Rede halten. Damit will Volkswagen signalisieren, trotz aller Krisenbewältigung die wichtigen Trends nicht zu verschlafen. Doch die Diskussion über Schadstoffe und ihre Messung bei Diesel-Motoren dürfte solche Themen in den Hintergrund drängen. Denn die illegale Abschaltsoftware in rund elf Millionen Pkw von VW, Seat, Skoda, Audi und Porsche hat nicht nur Europas größtem Autokonzern einen schweren Imageschaden und noch immer nicht absehbare Milliardenkosten eingebrockt. Dass Messungen auch bei Autos von Mercedes, Opel oder Renault hohe Abweichungen der gesundheitsschädlichen Stickoxide zwischen dem normalen Fahrbetrieb auf der Straße und dem Prüfstand im Labor ergeben haben, schadet dem Ansehen der Diesel-Technik - auch wenn sie nach Beteuerung der Autobauer gesetzlich zulässig sind und keine illegale Abschalteinrichtung am Werk ist.

"In diesem Jahr liegt eine dicke Dieselwolke über Genf", erwartet Ferdinand Dudenhöffer, Chef des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen. Mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent an den verkauften Neuwagen in Westeuropa seien die europäischen Autobauer gefährlich stark vom Diesel abhängig. Peter Fuß, Autoexperte vom Beratungsunternehmen EY, sieht die Lage weniger dramatisch. In den USA, wo der Dieselskandal aufgedeckt wurde, habe es einen Rückschlag für die Autobauer gegeben, doch der Markt war ohnehin vergleichsweise klein. In Europa dagegen sei der Absatz bisher nicht eingebrochen. "Ich kann nicht erkennen, dass wir eine Diesel-Krise haben", sagt Fuß. Die deutsche Autoindustrie hofft, dass es dazu auch nicht kommt. Denn um die Klimaauflagen für den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid in der EU zu erfüllen, brauchen sie einen hohen Anteil der CO2-ärmeren Dieselautos.

Mobile Raumwunder

Das wird auch mit einem Blick auf die Neuheiten in Genf klar. Schwerpunkt der Premieren und Konzeptautos sind SUVs, mit einem Verkaufsplus von 17 Prozent im vergangenen Jahr nach Daten von HSBC das Segment mit dem stärksten Wachstum. Die hohe Nachfrage nach den oft hochmotorisierten Geländewagen sei Grund zur Sorge, erklärte HSBC-Analyst Horst Schneider. Damit sie nicht die CO2-Bilanz vermasselten, müssten sie mit Hybrid-Motoren ausgestattet werden. Die sind wegen der hohen Batteriekosten aber teurer als konventionelle Motoren.

Wer sich für mobile Raumwunder mit erhöhter Sitzposition interessiert, kommt in Genf auf seine Kosten: Audi präsentiert mit dem Q2 einen neuen Kompakt-SUV. VW zeigt die Studie eines kleinen Geländewagens. Die Konzern-Schwester Seat rollt den Ateca ins Rampenlicht, während Skoda mit einer Studie "VisionS" einen Vorgeschmack gibt. Auch der deutsch-chinesische Novize Borgward bringt als zweites Modell ein Kompakt-SUV auf den Markt. Von den asiatischen Autobauern bringt Kia seine Neuheit Niro mit nach Genf, auch Volkswagen-Rivale Toyota hat einen neuen Hochsitzer. Von den Luxusherstellern wartet Maserati mit seinem ersten SUV auf - der Levante soll den Porsche Cayenne herausfordern.

Von der Diesel-Diskussion wird sich die Branche die Feierlaune zur wichtigsten europäischen Automesse in diesem Jahr nicht verderben lassen, erwartet EY-Analyst Fuß. "Der europäische Markt ist gewachsen, bisher haben alle Autobauer gute Zahlen für 2015 bekannt gegeben." Und auch das neue Jahr sei gut angelaufen. Der europäische Herstellerverband ACEA erwartet für Europa allerdings nach dem Plus von gut neun Prozent im vergangenen Jahr für 2016 nur einen Anstieg um zwei Prozent auf rund 14 Millionen Pkw. Nach Einschätzung des Prognosehauses IHS wird die Autokonjunktur in Europa, die derzeit noch von der Erholung in Italien und Spanien nach der Euro-Krise getrieben wird, jetzt langsam ausrollen.

(Reuters)