Dieser Fondsmanager kauft Swatch- und Dufry-Aktien

Contrarians setzen auf gefallene Aktien. Aber reicht das als Weg zu toller Rendite? Fondsmanager Michael Clements erläutert im Interview seine Strategien und sagt, wo in der Schweiz er Contrarian-Gelegenheiten sieht.
31.10.2016 18:55
Interview: Marc Forster
Michael Clements, Fondsmanager bei Syz Asset Management in London.
Michael Clements, Fondsmanager bei Syz Asset Management in London.
Bild: ZVG

Michael Clements ist Fondsmanager bei der Syz Asset Management - Teil der Banque Syz Gruppe - und leitet von London aus die drei Fonds Oyster European Opportunities, Oyster European Selection und Oyster Continental European Selection. Er verschreibt sich der Contrarian-Strategie, das heisst, er setzt auf "unbeliebte" Aktien mit gesunkenem Kurs. Er tut dies immer in der Hoffnung, dass diese wieder steigen. Im Gespräch mit cash erklärt er unter anderem, weswegen Aktien bei dieser Strategie mehr bieten sollen, als dass sie einfach nur billig bewertet sind.

cash: Haben Sie in letzter Zeit ein Contrarian-Investment getätigt, das sich so richtig auszahlte?

Michael Clements: Wir haben dieses Jahr eine gute Performance über das gesamte Portfolio hinweg gesehen. Ein Unternehmen, das den Contrarian-Ansatz aber besonders gut illustriert, ist die Ashmore Group. Das ist ein britischer Anleihen-Asset-Manager mit Fokus auf die Schwellenländer. Vor einem Jahr waren diese Aktien völlig ausser Mode, und Anleger setzten ihr Geld anderswo ein. Vor Weihnachten letztes Jahr konnte man Ashmore – ein Unternehmen mit starker Bilanz und acht Prozent Dividendenrendite – für 2,50 Pfund kaufen. Dieses Jahr sind Schwellenländer in der Gunst wieder gestiegen und die Ashmore-Aktie ist 40 Prozent mehr wert als zum Zeitpunkt, als ich sie kaufte. Alles, was sich aber geändert hat, ist die Marktstimmung gegenüber den Schwellenmärkten.

Gibt es auch im Schweizer Markt solche Gelegenheiten?

In meinem Portfolio habe ich eine Firma, die niemand mag: Swatch. Ich habe sogar einen recht grossen Posten an Swatch-Aktien. Sie ist aus allen möglichen Gründen unbeliebt, natürlich vor allen, weil der Trend der Schweizer Uhrenexporte ziemlich schlecht ist. Die Märkte mögen es nicht, wie Swatch auf den Rückgang reagiert. Das Management kürzt weder das Werbebudget noch die Produktionskapazitäten. Das drückt die Marge. CEO Nick Hayek aber geht davon aus, dass der Rückgang nur zyklisch bedingt ist. Wir stimmen dem zu und glauben, dass die Schweizer Uhrenexporte wieder anziehen werden.

Wie lange glauben Sie braucht es, bis die Aktie wieder steigt?

Das weiss ich nicht genau. Um den Zusammenhang etwas zu erläutern: Ich habe diese Aktie zwei oder drei Wochen gekauft, nachdem die Schweizerische Nationalbank im Januar 2015 die Franken-Kursuntergrenze zum Euro aufhob. Ob der Wendepunkt 2017 oder 2018 kommt, weiss ich nicht. Aber wir sind geduldig und betrachten die Dinge über einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren.

Weshalb sind Sie so zuversichtlich?

Ich muss die Sicherheit haben, dass eine Firma nicht Bankrott geht. Wir müssen auch zuversichtlich sein, dass das, was wir sehen, ein zyklischer und kein struktureller Rückgang ist. Es gibt aber bisher keinen Anhaltspunkt, dass die Nachfrage nach Schweizer Uhren langfristig strukturell beeinträchtigt ist. Wir sehen ja bereits bessere Zahlen beispielsweise beim französischen Luxusgüterkonzern LVMH, vor allem weil die chinesischen Konsumenten etwas mehr ausgeben als angenommen. Natürlich überprüfen wir laufend, ob unsere Investment-These richtig ist.

Investieren Sie noch in andere Schweizer Aktien?

Ich habe dieses Jahr Dufry gekauft. Diese Aktie ist etwas weniger umstritten als Swatch, aber auch nicht sehr beliebt. Die Bilanz ist ziemlich strapaziert, weil die Firma rasch gewachsen ist. Dafür ist sie in der Folge mit 23 Prozent Weltmarktanteil in einer fast unangreifbaren Position. Dufry ist Weltmarktführer im Bereich Duty Free und hat eine massive Preissetzungsmacht. Dies führt mit der Zeit zu höheren Cash-Flows und höheren Margen.

Wie gehen Sie als Contrarian mit hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen um?

Wir suchen natürlich Aktien, die billig sind. Aber wir schauen dabei nicht so sehr auf die Kurs-Gewinn-Verhältnisse. Der 'Gewinn'-Teil kann manipuliert werden, und in der Regel verwenden die Leute ein vorausblickendes Ein-Jahres-Kurs-Gewinn-Verhältnis. Wir konzentrieren uns mehr auf den freien Cash-Flow. Wir untersuchen, wie viel Cash Flow bei einem Unternehmen realistischerweise innerhalb von fünf Jahren drinliegt.

Sind Panikreaktionen der Märkte – wie etwa nach dem Brexit-Votum – für Sie ein Vorteil?

Aus der Langfrist-Perspektive des Contrarian ist Panik etwas Gutes. Der schlechteste Markt für Contrarians ist einer, der beständig und langsam steigt. Die gilt natürlich für alle Stock Picker.  Ich sehe es so: Man hat eine Aktie, die man mag, ein Unternehmen, das man für eine fundamental gute Firma hält. Diese Aktie fällt dann 30 oder 40 Prozent wegen einer Panik. Das ist, wie wenn man in den Supermarkt geht und sein Lieblingsbier im Sonderangebot findet. Da kauft man einfach mehr.

Was machen Sie, wenn Sie eine Aktie kaufen und diese fällt weiter?

Man muss eine echte Langzeit-Perspektive verfolgen. Für den Fall, dass ein Investment weiter an Wert verliert, muss man vorbereitet sein. Viele Leute kaufen Aktien normalerweise zu früh, und sie verkaufen ebenfalls zu früh.

Gegen den Herdentrieb: Die von Michael Clements geleiteten Fonds verfolgen einen mittel- bis langfristigen Contrarian-Ansatz. Oyster European Opportunities (EUR) hat eine Wertentwicklung von +4,9 Prozent, seit Clements Anfang Oktober 2014 das Management übernommen hat. Oyster European Selection (EUR) entwickelte sich innerhalb der selben Zeit mit 8,7 Prozent. Der Fonds Oyster Continental European Selection (EUR) hat eine 12-Monate-Performance von +3,6 Prozent.

Was sind typische Fehler von Contrarians?

Als echter Contrarian kaufen Sie oft Aktien von Firmen, die im Moment nicht gut dastehen. Dabei müssen Sie aber immer noch einen gewissen Wert erkennen. Dazu braucht es viel Analysearbeit. Diese wirkt wie ein Anker. Sie brauchen diesen Anker, wenn die Aktie nach dem Kauf nochmals um 20 Prozent fällt. Es ist ein Fehler, eine Aktie nur zu kaufen, weil der Kurs gerade tief ist. Gute Recherche ist sehr wichtig.

Was kann man sonst noch falsch machen?

Sie kaufen beispielsweise eine Aktie, die gefallen ist, weil sie den Grund in einem zyklischen Rückgang sehen. Aber dann erweist sich dieser Rückgang als strukturell bedingt. Diese Aktie ist dann in der 'Value-Falle': Sie haben eine Aktie gekauft, die billig aussah, aber aus gutem Grund billig war. Man muss auch zu sich selber ehrlich sein und sich fragen, weswegen Anleger einen Titel verschmähen. Vielleicht haben andere ja Recht. Wir sind alles emotionale Menschen, aber wir dürfen bei Investitionen die Augen nicht verschliessen und Makel übersehen.

Vertrauen Sie bei Investitionen trotzdem auch auf Ihr Bauchgefühl?

Ehrlich gesagt, ja. Man kann noch so viel Analyse betreiben, die Bilanz einem Stresstest unterziehen und im Team hin- und her diskutieren: Es ist sehr, sehr selten, dass ein Investment als Schwarz-Weiss-Entscheidung vor einem steht. Meistens zeigt es sich in Grautönen, und deswegen baucht es das Geschick des Anlagenmanagements. Das Bauchgefühl hat viel mit Erfahrung zu tun, und mehr Erfahrung führt zu höherer Glaubwürdigkeit des Bauchgefühls.