Digitalisierung - Draghi und Yellen suchen Antworten auf Inflation 2.0

Seit Jahren versuchen die wichtigsten Zentralbanken der Welt mit billionenschweren Geldspritzen die Inflation anzuheizen - aber bislang vergeblich.
21.09.2017 15:20
Der Hauptsitz der EZB in Frankfurt.
Der Hauptsitz der EZB in Frankfurt.
Bild: Bloomberg

Für US-Notenbankchefin Janet Yellen ist es sogar ein "Rätsel", warum die Preise trotz brummender Wirtschaft nicht kräftiger anziehen. Da Digitalisierung und Globalisierung die Preise dauerhaft drücken, raten manche Experten dazu, künftig niedrigere Teuerungsraten zu akzeptieren.

"Die aktuell global tiefe Inflation ist zu einem guten Teil dem technischen Fortschritt zu verdanken", erklärt Burkhard Varnholt von der Credit Suisse. Das Internet habe die Inflation "gekillt". Maximilian Kunkel, Chef-Anlagestratege für Deutschland bei der UBS-Vermögensverwaltung, nennt ein konkretes Beispiel: "Ein Mobilfunk-Konzern bietet seinen Kunden mehr Datenvolumen für das gleiche Geld. Die Konsumenten zahlen zwar nicht weniger, aber effektiv fällt der Preis." Ausserdem sind im Internet viele Dienstleistungen auf den ersten Blick gratis zu haben. Der Nutzer bezahlt mit seinen Daten, die aber in der Berechnung von Teuerungsraten nicht auftauchen.

Auch andere Bereiche der Wirtschaft werden von der technischen Revolution grundlegend verändert: Speditions-Milliardär Klaus-Michael Kühne prophezeit in einem "Handelsblatt"-Interview, dass die Digitalisierung Frachtvolumen in der Schifffahrt um zehn bis 20 Prozent drücken wird. Musik werde beispielsweise nicht mehr über Schallplatten oder CDs vertrieben, sondern gestreamt. "Auch der Vormarsch des 3D-Druckers könnte die Frachtmengen reduzieren." So arbeitet der US-Konzern General Electric daran, Teile für Flugzeugtriebwerke auf diese Art zu produzieren.

Billig-Importe dämpfen die Inflation

Gleichzeitig drängen durch die Globalisierung immer mehr Billigprodukte aus Schwellen- und Entwicklungsländern auf den Weltmarkt und dämpfen die Teuerung. Zudem ziehen die Löhne in vielen Ländern nicht so stark an, wie es in Zeiten des Aufschwungs eigentlich zu erwarten wäre. Dies ist ebenfalls Teil des "Rätsels", vor dem Yellen steht. Die magische Marke von zwei Prozent gilt vielen Notenbanken als ideal für die Konjunktur. Denn sie bietet aus Sicht der Währungshüter einen ausreichenden Sicherheitsabstand zur Gefahrenzone fallender Preise, die eine Abwärtsspirale aus sinkenden Löhnen und stockenden Investitionen auslösen können. Japan gilt als gebranntes Kind, denn die Wirtschaft wurde hier durch eine solche Deflation lange gelähmt. Trotz massiver Geldspritzen ist die Inflation weiter mau.

Jagen die Währungshüter also einem Phantom hinterher? Sind die Inflationsziele letztlich "Kinder vergangener oder vergehender Verhältnisse", wie es der Ökonom und frühere Wirtschaftsweise Bert Rürup formuliert? Dass die Europäische Zentralbank (EZB) an ihrem Ziel einer mittelfristig zu erreichenden Teuerung von knapp zwei Prozent festhält, hält der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Henning Vöpel, für einen Anachronismus: "Für den Währungsraum ist dieses Ziel geradezu absurd."

Rahmenbedingungen der Geldpolitik

Die Rahmenbedingungen, unter denen die Geldpolitik heute agiere, hätten sich in den vergangenen 20 Jahren im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung komplett verändert: "Viele typische Wertschöpfungsketten von früher sind verschwunden", so Vöpel. Beispiel digitale Plattformen: Sie bringen Anbieter und Interessenten direkt zusammen - von der Transportbranche bis hin zu Versicherungen. Vermittler, die Margen kassieren und somit die Preise auch nach oben treiben, werden überflüssig. Neue Anbieter wie Uber, AirBnB und Amazon sorgen so indirekt für weniger Inflation.

Aber auch ohne diese Faktoren habe die Berechnung der Konsumentenpreise, an denen die EZB ihre Geldpolitik ausrichtet, Schwächen, sagt UBS-Experte Kunkel. Der zugrundeliegende Warenkorb spiegele die Realität nur unzureichend wider. Ausserdem bleibe die Preisentwicklung von Sachwerten unberücksichtigt. "Die Statistiker haben sich in den vergangenen Jahren nicht bewegt. Sie müssen es tun, es ist aber fraglich, ob sie es tun." Zumindest die deutschen Statistiker von Destatis in Wiesbaden wollen diesen Vorwurf nicht auf sich sitzenlassen. Sie verweisen darauf, dass "vielfach den Folgen der Digitalisierung durch vorhandene Methoden der Preisstatik bereits adäquat Rechnung getragen wurde".

Jenseits der Diskussion um mögliche Messfehler ist sich die EZB dennoch der Grundproblematik der niedrigen Inflation in Zeiten des rasanten technischen Fortschritts bewusst: Laut EZB-Ratsmitglied Ardo Hansson wird es daher wohl noch länger dauern, bis sie ihr Ziel erreichen wird, "aus Gründen, die wir nicht beeinflussen können", wie der Chef der estnischen Notenbank sagt. Er nennt dabei explizit technologischen Fortschritt und die Globalisierung als zwei Faktoren, die sich dem Einfluss der Geldpolitiker entziehen.

Langes Warten auf Punktlandung

Ein Blick auf die "objektive wirtschaftliche Realität" in Zeiten der Globalisierung spreche dafür, dass die EZB mehr Geduld beim Erreichen des Inflationsziels aufbringen müsse, fügt Hansson hinzu. Laut Prognosen der EZB-Fachleute wird der von Mario Draghi geführten Notenbank bis zum Ende des Jahrzehnts ohnehin keine Punktlandung mehr gelingen.

Auch in den USA bereitet die hartnäckig niedrige Inflation der Fed Kopfschmerzen, auch wenn sie sich davon wohl nicht von einer weiteren Zinserhöhung im laufenden Jahr abhalten lassen dürfte. In Japan ist der Preisauftrieb trotz der Geldschwemme der dortigen Notenbank noch schwächer als in der Euro-Zone. HWWI-Chef Vöpel warnt vor "Kollateralschäden wie der Bildung von Blasen an den Märkten", falls die Notenbanken zu lange auf dem Gas bleiben und unbeirrt von der Digitalisierung an ihrem Inflationsziel festhalten. Angesichts anhaltend niedriger Zinsen setzen beispielsweise viele Anleger in Europa auf Betongold: Der Markt für Wohnimmobilien droht nach Einschätzung europäischer Risikowächter in vielen EU-Ländern mittelfristig zu überhitzen.

(Reuters)