Draghis Bazooka sorgt bei Versicherern für Kopfschmerzen

Den europäischen Versicherern, deren Gewinne bereits durch die quantitative Lockerung von Mario Draghi ausgehöhlt werden, stehen weitere Probleme bevor.
17.07.2016 11:45
Gebäude der Zurich, einer von Europas grössten Versicherern.
Gebäude der Zurich, einer von Europas grössten Versicherern.
Bild: ZVG

Der bevorstehende Stresstest der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA) könnte zum Ergebnis haben, dass sie noch mehr Kapital zurücklegen müssen - ihre Möglichkeit, Geld zu verdienen also weiter beeinträchtigen.

Der Zeitpunkt für den "Stresstest könnte nicht schlechter sein, da die Ergebnisse recht negativ ausfallen werden", sagt Lutz Röhmeyer, Director Fund Management bei Landesbank Berlin Investment. "Sollte dabei herauskommen, dass bei einigen Versicherern Kapitallöcher gestopft werden müssen, wäre das für die gesamte Branche ein grösserer Rückschlag."

Die Auswirkungen niedriger oder negativer Zinsen in Europa zählen zu den Hauptbedenken während der Stresstests, erklärte die Aufsichtsbehörde Eiopa im Vorfeld der diese Woche anstehenden Abgabefrist. Die Versicherer könnten vor niedrigeren Gewinnen und Dividenden stehen, nachdem die Ergebnisse am Jahresende in aggregierter Form veröffentlicht werden - denn sollten sie höhere Kapitalpuffer benötigen, würde sich das auch auf die Gewinne auswirken.

Versicherer müssen höhere Risiken eingehen

Die Investmenteinnahmen der Versicherer werden bereits durch die EZB-Massnahmen belastet, da die Renditen von Staats- und Unternehmensanleihen durch die Bond-Käufe gedrückt wurden. Die Branche wurde dadurch gezwungen, sich nach riskanteren Investments umzusehen und zu niedrigeren Renditen zu reinvestieren.

Die deutschen und niederländischen Versicherer sind von der quantitativen Lockerung am stärksten betroffen, da sie mehr Produkte mit garantierten Auszahlungen verkauft haben, erklärte Benjamin Serra, ein Analyst von Moody’s Investors Service, im Interview. In Policen aus der zweiten Hälfte der 90er Jahre betrugen die garantierten Zinsen in Deutschland bis zu vier Prozent.

Da Lebensversicherungspolicen eine Laufzeit von 30 Jahren oder mehr haben können, ist es schwer, im aktuellen Zinsumfeld diesen Verpflichtungen nachzukommen. Ende der 90er Jahre rentierten zehnjährige deutsche Bundesanleihen noch mit 5,4 Prozent, aktuell ist die Rendite negativ.

"Sollte sich diese Situation fortsetzen, haben wir einen Ausnahmezustand, vor allem für die Lebensversicherer", sagt Rene Locher, ein Versicherungsanalyst bei MainFirst Bank AG. "Niedrige Zinsen oder Negativzinsen in Kombination mit den grossvolumigen Bond-Käufen der Zentralbank drücken auf die Renditen und sind schlecht für die Investmenteinnahmen."

Unnötige Ausgaben

Auf der Suche nach Renditen ist einigen Versicherern die Verlagerung hin zu riskanteren Anlagen schlecht bekommen. Munich Re senkte das Gewinnziel für dieses Jahr nach Verlusten beim Aktienportfolio und Restrukturierungskosten. Bei Zurich Insurance verzeichneten die Hedgefonds-Investments im ersten Quartal einen Verlust von 63 Mio. Dollar. Aegon NV büsste 358 Mio. Euro ein wegen Investments in Hedgefonds und Rohstoffe und Absicherungs-Fehlern.

Die Eiopa-Stresstests stellen für die Versicherer unnötige Ausgaben dar, vor allem nach der Einführung von Solvency II, womit ebenfalls die Kapitalpuffer geprüft werden, sagt Immo Querner, der Finanzvorstand der Talanx AG, Deutschlands drittgrösstem Versicherer. Solvency II sei als permanenter Stresstest des Kapitals der Versicherer entworfen worden, erklärte Querner im Interview. Damit habe man jetzt quasi einen Stresstest eines Stresstests.

"Die europäischen Versicherer befanden sich schon vor dem Brexit in der Zwickmühle, angesichts rekordniedriger Zinsen und viel schärferer Aufsicht", sagte Röhmeyer von LBB Invest. "Zusammen mit den Rückschlägen bei den Aktieninvestments und beim Wirtschaftswachstum wird dadurch das Einnahmenwachstum begrenzt."

(Bloomberg)