Drohender Börsencrash? - Von China könnte neues Börsenbeben ausgehen

Fallende Kurse bei chinesischen Kleinwerten können die weltweiten Börsen nach Meinung von Experten in neue Turbulenzen stürzen. Denn immer mehr Aktien dienen als Pfand für Kredite.
20.06.2017 20:01
Anleger verfolgen die Börsenkurse auf der Anzeigetafel in Shanghai.
Anleger verfolgen die Börsenkurse auf der Anzeigetafel in Shanghai.
Bild: Bloomberg

"Wenn die Kurse fallen, die Eigner aber nicht genügend Kapital haben, um zusätzliche Sicherheiten zu bieten, drohen Zwangsverkäufe", warnt Meng Shen, Manager der Pekinger Investmentbank Chanson & Co. "Das setzt eine Negativ-Spirale in Gang: Je mehr man verkauft, desto stärker fallen die Kurse, was weitere Zwangsverkäufe nach sich zieht."

Schätzungen der Investmentbanken Bank of America Merrill Lynch und Bocom zufolge dienen derzeit chinesische Aktien im Volumen von sechs Billionen Yuan (788 Milliarden Euro) als Pfand. Das ist etwa vier Mal so viel wie vor zwei Jahren und entspricht etwa zehn Prozent des Börsenwerts des gesamten chinesischen Aktienmarktes. Anteilsscheine von Kleinwerten und aufstrebenden Start-Ups machten zwar gerade einmal 358 Millionen Euro aus, allerdings entspreche dies fast 20 Prozent der Marktkapitalisierung dieses Segments.

Spekulation auf Pump

Ein Grossteil der Dividendenpapiere dient als Sicherheit für Kredite, die Brokerhäuser ihren Kunden für Börsenspekulationen einräumen. Damit wollten sie zusätzliches Geschäft an Land ziehen, sagt Analyst Xia Zhengzhou vom Handelshaus Kaiyuan. Zu den grössten Spielern gehört Haitong. Der Broker hatte nach eigenen Angeben Ende 2016 Kredite über 18,5 Millionen Euro vergeben, bei denen Aktien als Pfand dienten. Diese Summe solle weiter steigen. Konkurrent Guotai Junan will in diesem Bereich ebenfalls kräftig wachsen.

Verschärft wird das Problem durch sogenanntes Geister-Pfand. Dabei existieren die Wertpapiere entweder gar nicht, sind schon verkauft oder wurden mehrfach verpfändet. Merrill-Lynch-Anlagestratege David Cui warnt daher vor einem erneuten Crash wie Anfang 2015. Damals brach die Börse Shanghai binnen weniger Wochen um etwa 40 Prozent ein, als eine auf Pump finanzierte Spekulationsblase platzte. Die Schockwellen erschütterten die Finanzmärkte weltweit.

Notverkäufe setzen Börsen zu

Chinesische Kleinwerte haben sich in den vergangenen Monaten schlechter entwickelt als der Gesamtmarkt. Der Start-Up-Index ChiNext verlor seit Jahresbeginn über sieben und der Nebenwerteindex SME knapp vier Prozent. Der CSI300 der grössten Werte an den Börsen Shanghai und Shenzhen gewann dagegen gut sieben Prozent.

Im Zusammenhang mit Zwangsverkäufen gerieten in den vergangenen Monaten die Aktien von mehr als 100 chinesischen Firmen ins Trudeln. Die Papiere des LED-Produzenten Dongguang Kingsun und der Texilfirma Dohia wurden nach drastischen Verlusten zeitweise vom Handel ausgesetzt.

Die Brokerhäuser Founder und Sealand, die beide ihr Geschäft mit aktienbesicherten Krediten kräftig ausbauen wollen, verweisen dagegen auf ihr Risiko-Management und Schulungen für ihre Kunden. "Fallende Kurse führen nicht zwangsläufig zu Kreditausfällen", betont ein Sealand-Sprecher.

(Reuters)