Drohnen für Weinbau - Frankreichs Winzer setzen auf Tech

Zwar kann die französische Weinbauregion Fronton nicht mit der Konkurrenz aus der Region Bordeaux mithalten. Die Produzenten sind jedoch führend, wenn es um Experimente mit digitalen Werkzeugen geht.
16.06.2019 08:45
Basis für den Rotwein: Rote Weintrauben.
Basis für den Rotwein: Rote Weintrauben.
Bild: Pixabay

Die Sonne scheint über einem Weinberg in der Region Fronton im Südwesten Frankreichs, wo der Weinbau in der Römerzeit begann. Das einzige Geräusch ist das Brummen eines Traktors in der Ferne. Doch gleich wird ein fliegender Roboter diese Ruhe stören.

Nikola Nemcova, eine ehemalige Landvermesserin, geht zwischen den Weinreben mit einem grossen Rucksack. Sie zieht etwas heraus, das wie drei gebogene Styroporstücke aussieht, steckt sie zusammen, überprüft die Windrichtung und katapultiert das fertige Produkt mit einem Bumerangwurf in die Luft. Die weisse Drohne, die wie eine Mischung aus Raumschiff und Möwe aussieht, erreicht in wenigen Sekunden eine Höhe von 150 Metern und stösst dabei ein lautes Summen aus.

“Wir müssen nach Hindernissen auf dem Boden schauen und den Himmel nach potenziellen Gefahren absuchen”, sagt Nemcova, die seit eineinhalb Jahren für den französischen Drohnenhersteller Delair arbeitet. “Hubschrauber und Drohnen, diese Mischung ist nicht gut.”

Traubengrösse

Zwar kann die Weinbauregion Fronton nicht mit der Konkurrenz aus der Region Bordeaux mithalten, die Produzenten sind jedoch führend, wenn es um Experimente mit digitalen Werkzeugen geht, wie sie sonst eher bei Amazon zu finden sind. Winzer nutzen hochentwickelte Drohnen, die mit einer kundenspezifischen Software ausgestattet sind, mit der sie nach kranken Pflanzen suchen, den Ertrag vorhersagen und Weinberge bis hin zur Traubengrösse kartieren können.

Delair hat mit Winzern in den Regionen Minervois und Gaillac zusammengearbeitet, unter anderem an einem Experiment zur Bekämpfung einer Phytoplasma-Krankheit. Der Cognac-Hersteller Hennessy hat ebenfalls die Technologie von Delair verwendet.

Die Nachfrage der Verbraucher nach Drohnen lässt nach und die Luftzustellung von Paketen ist noch ferne Zukunftsmusik. Aber Winzer sind nur eine Gruppe - neben Landwirten, Bergbaugesellschaften, Bauunternehmen, Energieversorgern und Bahnbetreibern -, die zunehmend Drohnen einsetzen, um Informationen schneller und präziser zu sammeln, als es Menschen vor Ort können.

Hoch entwickelte Flugroboter

“Dies sind keine alltäglichen Spielzeugdrohnen. Es sind grosse, stabile und hoch entwickelte Flugroboter für Unternehmen“, sagte Michael de Lagarde, CEO von Delair, einem Startup in der Nähe von Toulouse, das nicht nur die Fluggeräte, sondern auch Datenanalysesoftware für sie herstellt. “Unsere Kunden sind nicht auf Spass mit den Drohnen aus. Für sie zählen Kosten, Kapitalrendite und Leistung.“

Im Gegensatz zu Verbrauchern sind Unternehmen bereit, den hohen Preis für schnelle Präzisionsmessungen und Software für künstliche Intelligenz zu zahlen, die bei der Verarbeitung der Daten hilft. Sie wollen hochentwickelte Maschinen, die sich kilometerweit entlang einer festgelegten Flugbahn selbst navigieren, und sie sind bereit, strenge Vorschriften einzuhalten und spezialisierte Piloten auszubilden.

Das Basismodell von Delair, das Nemcova in den Himmel katapultierte, hat eine Spannweite von etwa 1,1 Metern, wiegt 3 Kilo und kostet rund 15.000 Euro. Nur etwa eine Minute braucht es, um über 1,3 Quadratkilometer Weinreben zu fliegen und detaillierte Fotos mit der Kamera an seiner Unterseite zu schiessen. Dann setzt es zu einer eleganten vogelähnlichen Landung auf einer Lichtung an.

Kostenpunkt: 200.000 Euro

Die aufgenommenen Fotos, die von der Delair-Software umgewandelt werden, verwandeln sich in eine äusserst realistische 3D-Darstellung - wie bei einem Videospiel oder einer deutlich ausgeklügelteren Version von Google Maps. Weinreben können auf der virtuellen Karte bis auf ein Zentimeter genau untersucht werden. So können Winzer Antworten auf Fragen finden, wie zum Beispiel wie viel Dünger sie einsetzen müssen, je nachdem, wie die Blätter aussehen.

Teurere Modelle kosten bis zu 200.000 Euro und können mit einer Vielzahl von Radartypen ausgestattet werden. Ebenfalls im Angebot: Nachtsicht. Das nützt bei einem Weinberg nicht viel und wird eher zur Überwachung eingesetzt. Ausserdem sind diese Drohnen über 10 Kilo schwerer und benötigen ein Katapult zum Abschuss.

Es ist kein Zufall, dass Drohnen in dieser Region Fortschritte machen. Zu Delairs Nachbarn in der Nähe von Toulouse, etwa 60 km vom Weinberg entfernt, gehören der Flugzeughersteller Latecoere und - etwa 1,6 km entfernt - der europäische Flugzeugriese Airbus. Toulouse beherbergt einen Talentpool, der es kleinen Unternehmen in der Region ermöglicht hat, etwas neues auf die Beine zu stellen. Da Frankreich 2012 als eines der ersten Länder den Einsatz von kommerziellen Drohnen regulierte, hat sich die Fachkompetenz weiter verbessert und Unternehmen wie Amazon und die NASA angezogen.

Trojanisches Pferd

“Wir verwenden die Hardware als Trojanisches Pferd, um unsere Software bereitzustellen. Heute umfasst der Hardware-Teil Drohnen, aber in Zukunft könnte jedes andere angeschlossene Objekt Daten sammeln“, sagte Lagarde. Delair hat vor zwei Jahren eine Vereinbarung getroffen, um einer der Technologieanbieter von Intel zu werden. Dabei hat Delair seine Datenverarbeitungssoftware an den Chip-Riesen lizenziert und Aktien an den US-Konzern verkauft.

Bei Eisenbahnen und Versorgern wird die Technologie hauptsächlich zur Überwachung von Eisenbahngleisen und Hochspannungsleitungen eingesetzt. Bau und Bergbau gehören ebenfalls zu den Sektoren, in denen Flotten von Flugrobotern mit fast schon Militär-Ausrüstung, Kameras und Sensoren eingesetzt werden, um Materialstapel zu messen, den Fortschritt auf einer Baustelle zu überwachen oder die Sicherheit zu bewerten.

Nemcova, die 2015 ihren Pilotenschein in der Tschechischen Republik gemacht hat, wechselte von der Vermessung zu Drohnen, “um die gleiche Arbeit besser und viel schneller zu erledigen”, sagt sie, während sie die gebogenen Flügel abmacht und sie zusammen mit dem Flugzeugrumpf verstaut. Der Bordspeicher ist jetzt mit Daten vollgepackt. “Drohnen sind die Zukunft.”

(Bloomberg)