E-Autos - VW stellt die Weichen - und verteilt das Geld für die Zukunft

Es sind riesige Summen, die VW binnen fünf Jahren investiert. Nur: Die Abgas-Affäre und die Krise des Dieselmotors machen Investitionen zu einem echten Kraftakt. Und das gilt für alle Autobauer, nicht nur für VW.
15.11.2017 11:16
Das Logo von VW.
Das Logo von VW.
Bild: ZVG

Um hohe zweistellige Milliardenbeträge dürfte es gehen, und vor dem Abgas-Skandal waren es auch schon mal über 100 Milliarden Euro. Die gewaltigen Geldströme flossen in neue Autos und Zukunftstechnologien, es ging auch in der Vergangenheit bereits um E-Autos und digitale Helfer im Innenraum.

Die mehr als 25 Milliarden Euro, die die Beilegung des Skandals die Wolfsburger in den USA kostete, zwingen den Konzern zwar nicht unbedingt zu einschneidender Kostendiät - aber doch zur Vorsicht. Elektromobilität oder autonomes Fahren sind teuer in der Entwicklung, zugleich müssen die klassischen Verbrennungsantriebe verbessert werden. Denn in vielen Regionen dürften E-Autos noch für Jahre keine Rolle spielen, der Verbrennungsmotor aber sehr wohl.

Dazu kommt die Unsicherheit, ob das elektrische Fahren mit Akku wirklich der Weisheit letzter Schluss ist - oder die Brennstoffzelle? Auch alternative Kraftstoffe könnten noch eine Rolle spielen.

Entscheid am Freitag

Die Konzernkontrolleure haben also eine wichtige Aufgabe. Am Freitag (17.11.) sollen sie über das Budget für die kommenden fünf Jahre entscheiden, zudem geht es um die Auslastung der Werke. Dabei dürfte es beruhigend sein, dass der Autobauer trotz aller Widrigkeiten reichlich Geld verdient. Auch wenn die Marktanteile in Deutschland sinken: In anderen Teilen der Welt ist VW erfolgreich.

"Im Moment ist das Geld da, aber man muss es gut einsetzen", erklärt Autoexperte Stefan Bratzel. Vor allem mit Blick auf den Wandel zur E-Mobilität: "Es waren noch nie solche Investitionen notwendig wie für diese Transformation."

Das weiss auch VW-Chef Matthias Müller. Zum Auftakt der diesjährigen IAA kündigte er an, dass Volkswagen die Investitionen in die Elektromobilität bis 2030 auf 20 Milliarden Euro hochfährt. Bis 2025 bringen die Konzernmarken insgesamt über 80 neue Autos mit E-Motor auf den Markt, darunter rund 50 reine E-Autos und 30 Plug-in-Hybride.

E-Autos im Aufwind

Bis 2030 soll es für jedes der weltweit rund 300 Modelle des Konzerns in allen Fahrzeugklassen und -segmenten mindestens eine elektrifizierte Variante geben. Aber: "Für E-Mobilität Geld einzusetzen, ist eine Wette auf die Zukunft", sagt Bratzel.

Damit haben auch andere zu kämpfen. Der Oberklasse-Hersteller Daimler will nach eigenen Angaben in den nächsten Jahren mehr als 10 Milliarden Euro investieren und bis 2022 über 10 Elektrofahrzeuge auf die Strasse bringen. Bis 2022 soll es mindestens eine elektrifizierte Alternative in jedem Segment geben. Allein in den Jahren 2017 und 2018 will Daimler weltweit mehr als 16 Milliarden Euro in entsprechende Forschungs- und Entwicklungsprojekte stecken.

Rivale BMW plant laut früheren Angaben, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von 5,2 Milliarden Euro 2016 auf fast 6 Milliarden Euro im laufenden Jahr und in den zwei nächsten Jahren zu steigern. 2025 will der Konzern 25 elektrifizierte Modelle anbieten, von denen 12 vollelektrisch sein sollen.

Bei Volkswagen stellt sich auch die Frage: Wo werden die E-Autos gebaut? Betriebsratschef Bernd Osterloh will erreichen, dass alle Modelle zunächst in nur einem Werk produziert werden - das könnte Zwickau sein. Dies würde bedeuten, dass die Verbrennerproduktion - nämlich von Golf, Golf-Kombi und Passat - nach Wolfsburg und Emden verlagert würde. "Ein solcher Schritt wäre anfangs sinnvoll. Allein schon, um etwa die Risiken zu minimieren, die bei Neuanläufen entstehen", sagte der Betriebsratschef kürzlich.

Tatsächlich geht es nicht nur um die Verteilung des Geldes, sondern auch der Kapazitäten. In Tschechien hatten Medienberichte für Unruhe gesorgt, wonach Volkswagen einen Teil der Skoda-Produktion in Fabriken ausserhalb des Landes verlegen könnte.

Osterloh sagte unlängst dazu, er kenne keine Überlegungen, der Konzernmarke Produktion wegzunehmen - auch spreche nichts gegen E-Autos für Skoda. "Aber es kann nicht dazu führen, dort weitere Kapazitäten aufzubauen, wenn anderswo Kapazitäten leer stehen."

Der mächtige Betriebsratschef, der auch im Aufsichtsrat sitzt, spielt bei den Etat-Beratungen eine wichtige Rolle. Daher dürfte es ihm eher unlieb sein, dass staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und Durchsuchungen bei VW-Managern wegen angeblich zu hoher Vergütungen für Betriebsräte ihn gerade jetzt wieder in den Fokus rücken - obwohl sich die Ermittlungen nicht gegen ihn persönlich richten. Es geht um den Verdacht der Untreue gegen Topmanager.

Auch das Land Niedersachsen, das 20 Prozent der Stimmrechte an Volkswagen hält und wo ein Fünftel der über 600 000 Beschäftigten des Konzerns arbeitet, dürfte harte Einschnitte vermeiden wollen. Das gilt für das Motorenwerk in Salzgitter, das mit der E-Mobilität Arbeit verlieren dürfte, aber zugleich eine Pilotlinie zur Fertigung von Batteriezellen erhält. Das betrifft aber auch das Werk in Osnabrück, wo es Sorgen wegen der Auftragslage gibt.

So könnten die Mitglieder des Aufsichtsrats entsprechend nervös sein, glaubt Branchenkenner Bratzel. Denn das Diesel-Drama ist noch nicht überwunden. Experten wie Frank Schwope von der Norddeutschen Landesbank rechnen bereits mit Gesamtkosten von bis zu 35 Milliarden Euro für die Folgen des Abgasbetrug. Geld, das anderswo fehlen würde.

(AWP)