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Ein Aktie mit bewegter Geschichte

Lonza-Papiere haben einen erstaunlichen Lauf, welcher schon über drei Jahre andauert und sich in den letzten Wochen akzentuiert hat. Bleibt der Titel ein Aktionärs-Liebling oder holt ihn die Vergangenheit ein?
20.11.2015 14:37
Von Pascal Züger
Verwaltungsgebäude des Chemiekonzerns Lonza in Visp.

"Nur wer die Tiefen des Lebens kennt, lernt die Höhen auch zu schätzen", lautet ein altes Sprichwort, welches sich auch auf den Kursverlauf der Lonza-Titel anwenden lässt. Wie untenstehende Grafik zeigt, haben die Aktien des Lifescience-Konzerns mit Hauptsitz in Basel und einem Werk im Visp in den letzten 10 Jahren Höhen und Tiefen erlebt, die weitaus stärker ausfielen als im Gesamtmarkt, dem SPI.

Zehnjährige Kurs-Entwicklung der Lonza-Aktie und des SPI, Quelle: cash.ch

Ab 2004, als Stefan Borgas das Amt des CEO übernahm, legte Lonza seinen Schwerpunkt auf die Biotechnologie und tätigte bis 2008 zahlreiche Zukäufe in diesem Bereich. Kursmässig zahlte sich dies zunächst aus, die Aktie erreichte im August 2008 einen Rekord-Wert von über 155 Franken. Doch dann kam die weltweite Finanzkrise, welche den Schweizer Konzern sehr hart traf und auch die ganze Pharmaindustrie in eine Krise stürzte.

Es folgten Jahre des Leidens. Strikte Sparprogramme mussten durchgeführt werden, Standorte in den USA und England wurden geschlossen. Im Sommer 2011 fiel Lonza auch noch aus dem Swiss Market Index der 20 grössten börsenkotierten Schweizer Firmen. Die Aktie litt massiv, fiel im Vergleich zum Höchstwert vom September 2008 um ganze 80 Prozent auf dem Tiefststand von 33 Franken im Mai 2012. Das war auch just jener Monat, wo Borgas gehen musste und der aktuelle CEO Richard Ridinger das Ruder übernahm.

Seither geht es aufwärts. "Der CEO-Wechsel führte zu einem positiven Momentum bei Lonza", kommentiert Martin Schreiber, Analyst der Zürcher Kantonalbank, auf Anfrage von cash diesen Abschnitt in Lonzas Geschichte. Das Management um den neuen CEO Richard Ridinger habe verschiedene Massnahmen initiiert, um profitables Wachstum zu erreichen. Investitionskosten wurden stark runtergefahren und weitere Standorte wurden geschlossen. Aber auch die Partnerschaft mit Roche war und ist für Lonza sehr wichtig: "Der Erfolg von Lonza hängt auch mit der Innovationskraft der Pharmaindustrie zusammen, die in den letzten 5 Jahren generell stark stieg", so Schreiber.

Der Lonza-Aktie läuft es seit dem Chefwechsel rund: Plus 388 Prozent bis heute. Inzwischen konnte auch der Höchstwert aus dem Jahr 2008 geknackt werden. Die neue Rekordmarke liegt bei 159,10 Franken und wurde am gestrigen Donnerstag aufgestellt. Allein seit Ende September gewannen die Titel 25 Prozent an Wert dazu.

Folgt auf den langen Aufstieg der erneute Fall?

Die Aktien von Lonza sind nun wieder ziemlich genau da, wo sie bereits im August 2008 waren. Wiederholt sich nun der damalige Wertzerfall der Titel? Kaum etwas spricht dafür. "Lonza ist anders aufgestellt als noch vor 2012", sagt etwa Schreiber dazu. Die Geschäftsaktivitäten seien heute besser integriert, Synergien seien geschaffen worden und es zeichne sich auch keine negative Trendwende im Pharma-Bereich ab. Ausserdem hätte sich die Reputation und Kommunikation ab 2012 stark verbessert und die Unternehmenszahlen seien konstanter geworden.

Lonza besitzt auch wichtige Kooperations-Verträge mit Roche und anderen Pharmaunternehmen. Nicht zuletzt mit dem US-Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb, welches mit dem Krebs-Medikament Opdivo jüngst ein grosser Durchbruch gelang: Die US-Gesundheitsbehörde hat Anfang Oktober diese Arznei zugelassen. Analysten trauen Opdivo bis zum Jahr 2020 einen Umsatz von mehr als sechs Milliarden US-Dollar zu, wovon auch Lonza profitieren würde.

Die ganzen positiven Entwicklungen blieben aber den Anlegern nicht verborgen. Der Titel besitzt ein hohes KGV 2016 von 21. Im Vergleich dazu kommt Konkurrent Siegfried auf einen Wert von 13, ist also massiv billiger. Zahlreiche Analysten sind inzwischen von der Kaufempfehlung abgerückt: Jefferies, JP Morgan und Baader Helvea empfehlen bei Lonza-Aktien ein "Halten", erwarten also keine grossen Kurssprünge mehr. Nur die Analysten der ZKB und von Vontobel halten an der Kaufempfehlung fest.

Als Unsicherheitsfaktor kommt ein Fehler aus der Vergangenheit hinzu, welcher schon sehr weit zurück liegt: Am Standort Visp hatte Lonza zwischen 1930 und 1976 rund 50 Tonnen Quecksilber in einen Abwasserkanal gelassen, was Bodenflächen verunreinigt haben soll. An den Quecksilber-Verschmutzungen muss sich Lonza gegebenenfalls finanziell beteiligen. Gemäss Schreiber sei es rechtlich jedoch umstritten, wer überhaupt für die Sanierung aufkommen muss. Auch Gemeinde und Kanton sind in die Angelegenheit involviert. Wie teuer der Fall Lonza zu stehen kommt, ist nur schwer prognostizierbar. ZKB-Schätzungen gehen von Sanierungskosten zwischen 50 bis 150 Millionen Franken aus.

Lonza ist 2015 gut unterwegs

Das Lonza-Geschäftsergebnis im dritten Quartal 2015 habe eine "anhaltend positive Dynamik" gesehen und zu einem "insgesamt gesunden" Unternehmensergebnis geführt, teilte das Ende Oktober anlässlich des Business Update Q3 2015 mit. "Die finanzielle Situation von Lonza bleibt robust, während wir weiter an Stabilität gewinnen", liess sich Konzernchef Richard Ridinger in der Mitteilung zitieren. Für das Gesamtjahr 2015 erwartet der Konzern weiteres Umsatzwachstum und eine Zunahme des sogenannten "Kern-EBIT" um 5 Prozent.

Die Bank Vontobel sieht die Produktion von Säugetierzellen und das Agro-Geschäft als die wichtigsten Faktoren für den Anstieg der Konzernmarge, wie einem Analysten-Bericht zu entnehmen ist. Und die Entwicklung dieser beiden Elemente ist nach Lonza Angaben stabil – genaue Drittquartalszahlen liefert der Konzern jedoch traditionsgemäss nicht.