Ein Fonds, der auf die Tipps der Anleger setzt

Crowdinvest will die Fondsbranche revolutionieren. Das Luzerner Startup-Unternehmen plant in der Schweiz die Lancierung eines Anlagefonds, bei dem die Anleger selbst die Aktiengewichtung bestimmen.
15.08.2013 01:30
Von Pascal Meisser
Bei Crowdinvest soll die Masse entscheiden, welche Aktie mit welchem Gewicht in den Fonds aufgenommen wird.
Bei Crowdinvest soll die Masse entscheiden, welche Aktie mit welchem Gewicht in den Fonds aufgenommen wird.
Bild: iNg

Wer erinnert sich nicht an den Publikumsjoker bei der TV-Quizsendung "Wer wird Millionär". Wählt der Kandidat bei einer Frage diesen Rettungsanker, entscheiden sich im Publikum all jene Zuschauer für eine der vier Antworten, welche die richtige zu wissen glauben. Der Spieler gibt in diesem Moment dem kollektiven Wissen eine höhere Glaubwürdigkeit als seinem eigenen Expertenwissen. 

Dieses Prinzip will sich ein Luzerner Startup-Unternehmen bei ihrem Geschäftsmodell zur Hand nehmen. Crowdinvest will die Anleger selbst entscheiden lassen, wie hoch die einzelnen Aktien in ihrem geplanten Anlagefonds gewichtet werden. Das Vorgehen ist einfach: Der Investor loggt sich auf der Homepage von Crowdinvest mit seinem Facebook- oder Twitter-Account ein - und benotet die 30 grössten und liquidesten Titel im Schweizer Aktienmarkt. Die immergleiche Frage lautet: Schneidet die Aktie im kommenden Monat besser, gleich gut oder schlechter als der Gesamtmarkt ab?

Anleger bestimmen Fonds-Zusammensetzung

Das Urteil der Investoren fliesst regelmässig in die Portfoliogestaltung des Fonds ein. "Geplant ist, dass die Zusammensetzung des Fonds einmal monatlich gemäss Abstimmung umgeschichtet wird", sagt Peter Graf, einer der beiden Gründer von Crowdinvest, im Gespräch mit cash. Trotz dieser regelmässigen Transaktionen ist er aber überzeugt, die Kosten dieses Fonds tief halten zu können. "Wir müssen keine Research-Abteilung unterhalten", sagt der ehemalige Banker der Luzerner Kantonalbank. Diese Arbeit werde von der "Crowd", also von der Masse, übernommen. 

Der Anspruch, der Graf und sein Geschäftspartner Sam Kurath an sich haben, ist gross. "Besser als die Experten" - so lautet ihr Claim. Und diesem Druck wollen sie Monat für Monat standhalten. "Unser Ziel ist es, mit dem Fonds besser abzuschneiden als vergleichbare aktiv gemanagte Anlagefonds", sagt Graf. 

Noch läuft die Testphase

Vorderhand gibt es den von Crowdinvest anvisierten Fonds noch nicht zu kaufen. Das Vorgehen mit dem Massenvoting befindet sich seit Juli in einer Testphase, deren Länge noch nicht definiert ist. Zuerst will Crowdinvest die benötigte User-Basis aufbauen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erreichen. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, eine Basis von 10'000 Personen zu gewinnen", sagt Graf. Derzeit sind es rund 8000 User, die zumindest einmal auf der Abstimmungsseite eingeloggt haben. 

Erfahrungen aus dem benachbarten Ausland zeigen, dass dieses Konzept - zumindest in der Theorie - funktionieren könnte. In Deutschland hat ein Anbieter, der ebenfalls in Kürze einen Fonds herausgeben möchte, über die letzten vier Jahre hinweg gegenüber dem Vergleichsindex eine Überrendite von 15 Prozent erzielt. Im laufenden Jahr liegt die Zusatzrendite gegenüber dem Dax gar bei 21 Prozent. Auch dieser Anbieter will bald mit einem Fonds am Markt auftreten. 

Bei Graf haben sich bereits erste Fondsgesellschaften gemeldet, die sich eine Zusammenarbeit mit Crowdinvest vorstellen können. Namen will Graf aber keine nennen. Alternativ könnte er sich auch die Lancierung eines Zertifikats vorstellen. Details werden erst nach Beendigung der Testphase entschieden. 

Defensive Schwergewichte und UBS besonders beliebt

Inzwischen liegen bereits die Ergebnisse des Juli-Votings vor, bei dem die Anleger ihre Erwartungen an die Aktienkurse im August bekanntgaben. Überraschend ist, dass auch Crowd-Investoren hauptsächlich auf jene Aktien setzen, die meist auch in herkömmlichen Anlagefonds übergewichtet sind. 

Zu den beliebtesten Aktien im August gehören nebst den Schwergewichten Nestlé, Novartis und Roche auch die Valoren der Grossbank UBS mit einer Gewichtung um 10 Prozent. Dahinter folgt bereits der Luxusgüterhersteller Richemont (5 Prozent) sowie Zurich Financial Group (4,5 Prozent). Zu den wenigsten gewählten Titeln gehören Lonza (0,43 Prozent), das Immobilienunternehmen Swiss Prime Site (0,47 Prozent) sowie Sulzer (0,75 Prozent). 

Man darf also gespannt auf Ende August warten, wenn erstmals die Performance des künftigen Crowdinvest-Fonds publiziert wird.