Ein Jahr Tidjane Thiam: Was er erreicht hat - und was nicht

Am 1. Juli 2015 übernahm Tidjane Thiam die Funktion des CS-Konzernkapitäns. Auf den ersten Blick sieht seine Bilanz enttäuschend aus. Kann der Chef der zweitgrössten Schweizer Bank auch Erfolge vorweisen?
29.06.2016 23:00
Von Marc Forster
CS-Chef Tidjane Thiam. Seine Bilanz fällt sehr zwiespältig aus.
CS-Chef Tidjane Thiam. Seine Bilanz fällt sehr zwiespältig aus.
Bild: ZVG

Der Aktienkurs der Credit Suisse ist seit Tidjane Thiams Amtsantritt vor einem Jahr um 60 Prozent gesunken. Der Brexit-Aufruhr an der Börse löste ein weiteres Rekordtief aus, die Aktie streifte die Marke von 10 Franken. Als Thiam übernahm, kostete das Papier über 25 Franken. Die Hoffnungen, die vor einem Jahr in den neuen Chef gesetzt wurden, haben sich in Luft aufgelöst.

Thiam trat seine Funktion mit dem Auftrag an, die Bank wieder in Fahrt zu bringen. In den ersten Monaten seiner Amtszeit präsentierte Thiam die neue Konzernstrategie. Die CS soll in Richtung des Modells der UBS mit einer ertragstarken Vermögensverwaltung mit kleinerer, risikoärmeren Investmentbank umgebaut werden. Derzeit trauen die Anleger aber der Vorstellung, dass vor allem reiche Privatbankkunden in Asien der CS neuen Schwung verleihen sollen, angesichts wachsender Schwellenmarktprobleme nicht so richtig.

Als Lichtschimmer könnte sich hingegen der für das nächstes Jahr geplante Börsengang der Schweizer Einheit erweisen. Damit könnte die CS laut einer Berechnung der Zürcher Kantonalbank zwei bis vier Milliarden Franken für ihre Kapitalausstattung einnehmen. Diese derzeit noch nicht gebildete Einheit, die das mit Kunden mit Schweizer Wohnsitz generierte Geschäft enthält, könnte immerhin dazu beitragen, die CS zu stabilisieren.

Schwache Kapitalbasis

Die Einnahmen aus dem Börsengang diese CS Schweiz wären sehr willkommen. Denn die gesamte Neuausrichtung der CS stockt. Zwar hat Thiam im Oktober eine Kapitalerhöhung in Angriff genommen, um die im Branchenvergleich zu dünne Kapitalbasis der CS zu heben. Die Aktionäre tragen der CS rund sechs Milliarden Franken bei. Was aber nicht reichte. Hohe Kosten, die schwer wiegende Restrukturierung und ein riesiger Goodwill-Abschreiber in der Investmentbank bedrohen die Kapitalbasis von neuem.

Die CS-Kapitaldecke ist jedenfalls immer noch so schwach, dass die Schweizerische Nationalbank die Bank kürzlich auffordern musste, mehr Reserven anzulegen. Beim aktuell so tiefen Aktienkurs ergibt eine Kapitalerhöhung aber wenig Sinn - nachdem die Furcht vor ihr paradoxerweise dazu beigetragen hat, dass der Kurs sank. Daher muss die CS die Kapitalbasis wohl mit CoCo-Bonds aufstocken, was sie wegen der hohen Verzinsung aber teuer zu stehen kommt.

Andreas Venditti, Bankenanalyst bei der Bank Vontobel, sieht die CS auch im Strudel fallender Märkte gefangen. "Die Schwierigkeit für die CS besteht darin, mit geerbten Problemfeldern in der Investmentbank umgehen zu müssen, während gleichzeitig die Bedingungen härter geworden sind", sagt der Experte. Der Investmentbank-Abschreiber vom Februar ist eine Altlast aus den Jahren von Thiam-Vorgänger Brady Dougan. Thiam deutete an, er müsse den Schutt früherer Jahre wegräumen. Mit einer Schuldzuweisung alleine konnten die Aktionäre aber nicht viel anfangen.

18,9 Millionen Vergütung

Für Schlagzeilen sorgte im März auch Thiams Lohn. Inklusive einer Kompensation für entgangene Leistungen seines vorherigen Arbeitgebers Prudential bekam er gemäss Geschäftsbericht 18,9 Millionen Franken zugeteilt. Die Aura des Hoffnungsträgers, der vor einem Jahr in Anlehnung an den charismatischen US-Präsidenten gar als "Barack Obama der CS" bezeichnet wurde, fing an zu verblassen.

Aktionäre fragten sich: Ist Thiams Führungsfunktion so viel Geld wert? Die Grossaktionäre in Katar und Saudi-Arabien halten Thiam derzeit im Sattel, so wie sie auch seinen Vorgänger Brady Dougan jahrelang trotz immer grösserer Kritik stützten.

Schweizer Einheit wäre Reformschritt

Viele andere Anteilseigner sind aber sehr erbost. Auf deren Unmut über den fallenden Börsenwert der Bank reagierte Thiam kürzlich mit einem Verweis auf Leerverkäufe. Das kam nicht glaubwürdig hinüber, denn an der Schweizer Börse, wo die CS hauptsächlich kotiert ist, gab es weniger solche Wetten gegen die Aktie als in New York.

Der Verdacht besteht, dass Thiam nur ablenkt. Schon im Februar sagten Fondsmanager zu cash, die Entwicklung der CS sei nicht nachhaltig. Auch Andreas Venditti stellt fest, dass die Neuausrichtung der CS schon wieder adjustiert worden ist: "Unter Thiam wurde die neue Strategie bekannt geben, die wegen veränderter Marktbedingungen bereits angepasst werden musste."

Thiam muss also auf bessere und optimistischere Märkte hoffen, damit seine Bilanz künftig besser aussieht. Mit der Vermögensverwaltung in Asien liesse sich die CS stabilisieren. Neues Vertrauen in die Grossbank könnte tatsächlich auch mit der Bildung der erfolgsversprechenden Schweizer Einheit entstehen. Anleger wären bereit, dies als Reformschritt zu sehen.