Hügli meint

Ein zusätzliches Jahr für den angezählten Thiam

Dass Tidjane Thiam nach 12 Monaten Amtszeit einen grossen Teil des Kredits verspielt hat, liegt einerseits an ihm, aber auch an den Umständen inner- und ausserhalb der Credit Suisse. Bis Mitte 2017 muss er liefern.
29.06.2016 22:55
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Bild: Geri Born

Was waren die Journalisten begeistert über den ersten Auftritt von Tidjane Thiam bei seiner Vorstellung als neuem CEO der Credit Suisse. Mit seiner Nahbarkeit und seinem Charme verkörperte er das pure Gegenteil zum spröden Vorgänger Brady Dougan, welcher der Bank schon über längere Zeit keine Impulse mehr geben konnte. Mit Thiam sollte nach Amtsbeginn 1. Juli 2015 ein Ruck durch die Bank gehen.

Genau ein Jahr später ist die Hoffnung der Ernüchterung gewichen. Berichte über Thiams Erstklassflüge, Leibwächter sowie könighaftem und kritikunfähigem Benehmen passen schlecht zu einer Führungsperson, welche ein Unternehmen durch eine Restrukturierungsphase mit entsprechenden Kostensenkungsmassnahmen führen muss.

Das ist das eine. Viel schwerer wiegt die Perzeption des Marktes. Der CS-Aktienkurs hat seit Thiams Amtsantritt 60 Prozent verloren. Der Kurs ist auf einen Stand gefallen, der letztmals in den 1980er Jahren registriert wurde. Die Kursperformance der CS in diesem Jahr ist doppelt so schlecht wie diejenige des europäischen Bankenindex. Und die CS-Aktie performt 2016 rund ein Viertel schlechter als die Aktie der UBS.

Die Vergleiche zeigen: Das Siechtum der Credit Suisse an der Börse lässt sich nicht mit dem derzeit schlechten Umfeld für alle Grossbanken erklären. Ganz offensichtlich gelingt es Thiam nicht, die Investoren vom Tempo seines Restrukturierungsprogrammes mit der Verlagerung zum Vermögensverwaltungsgeschäft zu überzeugen. Die im letzten Oktober bekannt gegebene Strategie mit einer Kapitalerhöhung, Wachstumszielen in Asien und Sparaktivitäten brachte wenig Überraschendes und war eindeutig zu wenig.

Konzernumbauten à la Credit Suisse dauern in der Regel mindestens zwei Jahre, bis sie zu greifen beginnen. Daher steht ein CEO-Wechsel bei der Credit Suisse derzeit nicht zur Debatte. Umso weniger, weil der Verwaltungsrat unter der Führung von Urs Rohner viel zu lange mit dem strategischen Umbau der Bank gewartet hat und er die Hauptverantwortung der Misere trägt. Aber Thiam ist angezählt, und er muss in den nächsten 12 Monaten dringend liefern. 

Doch vielleicht tragen Thiam, sein Management und der CS-Verwaltungsrat jetzt schon eine Exit-Strategie im Hinterkopf herum. Dass nach einem Börsengang der "Swiss Universal Bank"  (geplant bis Ende 2017) der übrige, internationale Teil der Bank verkauft oder fusioniert wird. Damit wären für die Verantwortlichen einige Probleme aus der Welt geräumt.