Eine verdeckte Gewinnrezession in Europa

Die Wirkung des billigen EZB-Geldes verpufft: Die europäischen Unternehmensgewinne sind zuletzt wieder in die Nähe der Tiefststände von 2010 gefallen.
24.10.2016 08:27
Von Lorenz Burkhalter
Die Euros fliessen bei den europäischen Unternehmen angeblich nicht mehr ganz so üppig.
Die Euros fliessen bei den europäischen Unternehmen angeblich nicht mehr ganz so üppig.
Bild: Bloomberg

Die gute Nachricht zuerst: Laut den Strategen der Deutschen Bank entwickelt sich die Unternehmensberichterstattung für das zurückliegende dritte Quartal bisweilen besser als gedacht. Die gut 70 im Stoxx Europe 600 Index vertretenen Publikumsgesellschaften, bei welchen der Zahlenkranz bereits vorliegt, wiesen einen gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 7,5 Prozent höheren Gewinn aus. In Analystenkreisen ging man hingegen nur von einem Gewinnplus von 3,4 Prozent aus.

Um die Teuerung bereinigt und zu konstanten Wechselkursen betrachtet, lässt sich allerdings ein sehr viel nüchterneres Bild zeichnen. Die Unternehmensgewinne seien seit Februar 2015 um 23 Prozent gefallen und stünden nur noch unwesentlich über ihren Tiefstständen von Anfang 2010, so schreiben die Experten.

Geldschwemme der EZB weitestgehend ohne Wirkung

Teuerungsbereinigt erweisen sich sogar die vergangenen 18 Jahre als ein Nullsummenspiel für die Firmen aus dem Stoxx Europe 600 Index. Mit einer Belebung zurück in den rund 35 Prozent über dem aktuellen Gewinnniveau liegenden langfristigen Trend rechnen die Strategen der Deutschen Bank erst dann, wenn sich das Wirtschaftsumfeld nachhaltig aufhellt. Anhaltspunkte für eine solche Entwicklung machen sie bisweilen jedoch nicht aus.

Bereinigte Unternehmensgewinnentwicklung des Stoxx Europe 600 Index, Quelle: Deutsche Bank

Diese verdeckte Gewinnrezession dürfte insbesondere bei der Europäischen Zentralbank (EZB) für rote Köpfe sorgen. Denn das Minus von 23 Prozent bei den bereinigten Unternehmensgewinnen seit Februar 2015 fällt genau in die Zeit der milliardenschweren Wertpapierkäufe. Das Kaufprogramm wurde im April 2015 ins Leben gerufen und seither kontinuierlich ausgebaut. Aktuell pumpt die EZB auf diesem Weg monatlich 80 Milliarden Euro in die Märkte.

Eigentlich sollten die im Stoxx Europe 600 Index vertretenen Unternehmen von der EZB-Politik profitieren, kauft diese mittlerweile doch auch Unternehmensanleihen zusammen. Das wiederum müsste sich bei den Firmen in Form tieferer Finanzierungskosten bemerkbar machen.

Ausserdem sollten die Wertpapierkäufe den Euro schwächen und die Stellung europäischer Exportunternehmen im internationalen Wettbewerb stärken. Aktuell ist von dieser Wechselwirkung allerdings wenig zu sehen. Im Stoxx Europe 600 Index sind auch zahlreiche Publikumsgesellschaften aus der Schweiz zu finden.