Erzwungene Nachreservierungen - Zurich verpasst die Erwartungen - Börse bleibt entspannt

Gesetzlich vorgeschriebene Nachreservierungen lassen den Quartalsgewinn der Zurich Insurance Group fallen. Die Analystenerwartungen werden verfehlt. Dennoch behauptet sich die Aktie.
11.05.2017 15:44
Von Lorenz Burkhalter
Seit gut einem Jahr der neue starke Mann bei der Zurich Insurance Group: Konzernchef Mario Greco.
Seit gut einem Jahr der neue starke Mann bei der Zurich Insurance Group: Konzernchef Mario Greco.
Bild: ZVG

Unter Mario Greco hat sich die Zurich Insurance Group zum Vorzeigeschüler gemausert. Seit Amtsantritt des neuen Konzernchefs vor gut einem Jahr übertraf die Versicherungsgruppe regelmässig die Analystenerwartungen.

Der am Donnerstag veröffentlichte Zahlenkranz ist allerdings ein "Tolggen im Reinheft". Mit 928 Millionen Dollar verfehlt der Betriebsgewinn (BOP) die 967 Millionen Dollar lautenden Konsensschätzungen zwar nur knapp. Der Reingewinn von 607 Millionen Dollar liegt hingegen weit hinter den erwarteten 723 Millionen Dollar zurück.

Die Differenz lässt sich grösstenteils mit gesetzlich vorgeschriebenen Nachreservierungen in Grossbritannien erklären, weshalb der "Tolggen" nicht selbstverschuldet ist. Diese schlagen mit 289 Millionen Dollar zu Buche. Einige Experten hatten zwar sogar mit einer Gewinnschmälerung von mehr als 300 Millionen Dollar gerechnet. Doch scheint diese vom Gesetzgeber erzwungene Sonderbelastung längst nicht bei allen in die Quartalsprognosen eingeflossen zu sein, was einen Vergleich schwierig macht.

An der Schweizer Börse SIX kann sich die Zurich-Aktie behaupten. Im späten Handel gewinnt sie sogar an Fahrt und gewinnt 0,8 Prozent auf 281,50 Franken.

Ziemlich entspannt zeigt sich der für J.P. Morgan tätige Analyst. Seinen Berechnungen zufolge wurden die Markterwartungen auf Stufe Betriebsgewinn um Sonderbelastungen bereinigt sogar um 5 Prozent übertroffen. Allerdings räumt er ein, dass er sich ein stärker rückläufiges Combined Ratio und ein vorteilhafteres Kosten-Ertrags-Verhältnis erhofft habe.

Weitere operative Verbesserungen

Alles in allem scheint der Experte mit dem vorliegenden Zahlenkranz allerdings zufrieden zu sein. Dasselbe gilt für dessen Qualität. Die Zurich-Aktie wird bei der amerikanischen Investmentbank wie bis anhin mit "Neutral" und einem Kursziel von 293 Franken eingestuft.

Was den Qualitätsaspekt anbetrifft, widerspricht man bei Julius Bär. Der Zahlenkranz sei qualitativ von Licht und Schatten geprägt, so heisst es.

Wie der Berufskollege bei der Bank Vontobel vorrechnet, liegt der ausgewiesene Reingewinn im ersten Quartal geringfügig hinter den Erwartungen zurück. Nichtsdestotrotz zeigt er sich von der vergleichsweise widerstandsfähigen Geschäftsentwicklung sowie an den operativen Fortschritten beeindruckt. Dasselbe gilt für die starke Solvenzposition. Das Anlageurteil lautet weiterhin "Hold", das Kursziel wird mit 285 Franken angegeben.

In einem Kommentar der Zürcher Kantonalbank ist von weiteren Verbesserungen im Sachversicherungsgeschäft sowie von einer soliden Leistung im Lebensversicherungsgeschäft und bei der amerikanischen Tochter Farmers die Rede. Der Autor empfiehlt die Aktie deshalb weiterhin mit "Übergewichten" zum Kauf.

Überraschend versöhnliche Alliance Bernstein

Der für die amerikanische Investmentbank Jefferies tätige Analyst findet im stark gestiegenen Kosten-Ertrags-Verhältnis dennoch ein "Haar in der Suppe". Die Kosten seien im Sachversicherungsgeschäft im Jahresvergleich überraschend stark gestiegen, so sein Urteil. Er stuft die Aktie allerdings schon eine ganze Weile mit "Underperform" und einem tiefen Kursziel von 236 Franken ein, was die negative Meinung erklären würde.

Auch der Berufskollege von Alliance Bernstein zeigt sich überraschend versöhnlich. Denn obwohl er die ersten drei Monate als durchwachsen bezeichnet, rechnet er grundsätzlich mit einer positiven Marktreaktion. Positiv hebt er insbesondere die beim Eigenkapital erzielten Fortschritte hervor. Dennoch weicht der Analyst nicht von seiner Warnung in Bezug auf die Reservepolitik des Versicherungskonzerns aus Zürich ab.

Im Vergleich mit anderen Mitbewerbern erachtet er diese als zu dünn, weshalb er Nachreservierungen befürchtet. Folglich lautet das Anlageurteil für die Zurich-Aktie unverändert "Underperform".