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«Es herrscht einfach zu viel Lärm im Markt»

Für Reto Huenerwadel verwedelt die momentane Nervosität an den Märkten die wahren Voraussetzungen zum Investieren. Im cash-Börsen-Talk erklärt der Anlagechef der Hypothekarbank Lenzburg seine Zuversicht für Aktien.
08.07.2016 01:00
Von Daniel Hügli
Reto Huenerwadel, CIO Hypothekarbank Lenzburg, im cash-Börsen-Talk.
Bild: cash

Die Märkte stehen noch immer unter dem Eindruck der Brexit-Abstimmung von Ende Juni. Zum Ausdruck kommt dies in einer hohen Volatilität vor allem an den Börsen. Und das wird noch eine Weile so bleiben. Seit dem Brexit-Votum sei die Stimmung an den Finanzmärkten insgesamt sehr instabil und auch weiterhin dürfte die Volatilität am oberen Rand der Bandbreite verharren, kommentieren etwa die Analysten der Credit Suisse. 

Kurzfristig orientierte Profi-Trader lieben Schwankungen, Langfrist-Investoren eher nicht. "Volatilität ist für den Anleger etwas, das er nicht hören will", sagt Reto Huenerwadel, Anlagechef und Leiter Portfoliomanagement bei der Hypothekarbank Lenzburg, im cash-Börsen-Talk. Denn "Volatilität bedeutet Verunsicherung, und da will man schlussendlich nicht investieren. Finanzmärkte und Anleger bevorzugen klare Trends".

Aber der Brexit hat die Märkte noch im Würgegriff. In den USA sprach das Notenbank-Führungsmitglied William Dudley gar vom Brexit als einer der "dunkelsten Wolken" am Konjunkturhorizont. "Falls es an den Finanzmärkten zu grösseren Ansteckungseffekten kommen und die Stabilität der Europäischen Union infrage gestellt werden sollte, wären das gravierende Konsequenzen". sagte Dudley, der die Notenbank von New York führt.

Solche Bemerkungen tragen natürlich nicht zur Beruhigung der Lage bei. Für Huenerwadel herrscht derzeit denn auch eindeutig zu viel "Lärm" im Markt, der die Angst nur noch schüre. Für ihn sind die Voraussetzungen für weiterhin gut laufende Aktienmärkte trotz Verunsicherung durch Brexit, durch eine drohende Bankenkrise in Italien oder durch steigende Leitzinsen in den USA gegeben, und zwar aus drei Gründen: "Man darf die fundamentalen Daten nicht unberücksichtigt lassen." Das Wirtschaftswachstum vor allem in den USA sei solid, sagt Huenerwadel. Am Donnerstag zeigte etwa ein Bericht, dass US-Firmen im Juni mehr Jobs geschaffen hatten als erwartet wurde.

Nestlé, Novartis und Roche bevorzugt

Dann führt Huenerwadel auch die Unternehmenszahlen aus dem zweiten Quartal ins Feld. "Die waren - soweit schon vorhanden - deutlich besser als erwartet." Schliesslich erwähnt der Anlagechef der Hypothekarbank Lenzburg, der zuvor lange Zeit als Ökonom bei der UBS tätig war, auch das Zinsniveau, das Aktienanlagen umso attraktiver macht. "Die Zinsanlagen in der Schweiz befinden sich auf ganz komischen Niveaus. Es ist zum Beispiel volkswirtschaftlich nur sehr schwer begründbar, warum eine Pfandbriefzentrale in der Schweiz negative Renditen zahlt", so Huenerwadel.

In einem unsicheren Umfeld wie jetzt sind Aktien aus dem Konsum- und Gesundheitswesen laut Huenerwadel am attraktivsten. Er meint damit Titel wie Nestlé, Roche oder Novartis. Dass vor allem letztere zwei Aktien in diesem Jahr eine negative Performance hatten, hält Huenerwadel nicht vom Investmenttipp ab. "Diese Aktien hinkten lange Zeit hinten nach, dies sind aber nun spannende Niveaus zum Investieren." Am breiten Markt hält er den Hörgerätehersteller Sonova und die Schliesstechnikfirma Dorma+Kaba für interesssant.

Sogar die Aktie der Credit Suisse, welche diese Woche zum ersten Mal unter die Marke von 10 Franken fiel, findet Huenerwadel für risikobewusste Anleger durchaus interessant. "Man kann bei der CS zwar eine weitere Kapitalerhöhung sicher nie ausschliessen, aber in der Bewertung sind bereits sehr, sehr viele negative Nachrichten enthalten."

Im cash-Börsen-Talk äussert sich Reto Huenerwadel auch zum Schweizer Franken, zur Politik der SNB und zum Konjunkturausblick Schweiz.