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«Es ist langsam Zeit für eine Zinserhöhung»

Kommt die Zinswende nächste Woche oder nicht? Laut Gérard Piasko von der Deutschen Bank dürfte die Fed noch bis im Oktober zuwarten. Zudem sagt der Anlagechef im Börsen-Talk, welche Börsen noch Potenzial haben.
11.09.2015 01:05
Von Ivo Ruch
Gérard Piasko ist CIO Schweiz bei der Deutschen Bank.
Bild: cash

Mit Spannung warten Investoren weltweit auf den nächsten Donnerstag. Dann gibt die amerikanische Zentralbank (Fed) ihren nächsten Zinsentscheid bekannt. Während sich die US-Wirtschaft in den letzten Monaten verbessert hat, sind die Finanzmärkte derzeit immer noch verunsichert. Dies weil eine Konjunkturabkühlung in China unlängst für heftige Turbulenzen führte. Der japanische Leitindex Nikkei beispielsweise hat am Mittwoch mehr als 7 Prozent dazugewonnen, am Donnerstag aber wieder 2,5 Prozent verloren. Indiz für die Verunsicherung sind auch die immer noch hohen Werte des Volatilitätsindex VIX.

Leitet die Fed also in einem solchen Umfeld die Zinswende ein? Laut Gérard Piasko liegt die Wahrscheinlichkeit dafür bei 30 Prozent. Der Schweizer Anlagechef der Deutschen Bank denkt deshalb eher an einen anderen Termin, wie er im Börsen-Talk sagt: "Wir glauben, dass die Fed möglicherweise bis Oktober wartet, aber bestimmt nicht bis Ende Jahr. Denn der amerikanische Arbeitsmarkt ist viel stärker als vor einem Jahr. Es ist langsam Zeit, die Zinsen ein wenig anzuheben."

Es wäre die erste Zinsanhebung in den USA seit fast einem Jahrzehnt. Die grosse Frage für Börsianer aber ist, wie die Finanzmärkte darauf reagieren. Piasko erwartet keine grossen Verwerfungen: "Normalerweise entwickeln sich die Aktienmärkte nach einem Zinsschritt in den USA schlechter als davor, aber immer noch positiv."

Den Zentralbanken folgen

In den vergangenen Wochen haben die wichtigsten Aktienmärkte stark korrigiert. Obwohl teilweise eine Erholung eingesetzt hat, stehen der Nikkei (-8,9 Prozent), der deutsche Dax (-6,5 Prozent) oder der Dow Jones (-6,6 Prozent) im Vergleich zu Mitte August immer noch tief im Minus. Der Schweizer Aktienmarkt zeigt einmal mehr seinen stabilen Charakter (SMI: -4,9 Prozent) in stürmischen Zeiten.

Börsen-Experte Piasko favorisiert in den kommenden Wochen und Monaten die Märkte der Euro-Zone in Form des Euro-Stoxx-Index. Und zwar aus folgendem Grund: "Man muss die Aktienmärkte dort bevorzugen, wo man die Zentralbank auf seiner Seite hat." Die Europäische Zentralbank habe klar gemacht, dass sie die Wirtschaft weiterhin stimulieren werde, so Piasko. Zusätzliches EZB-Geld würde sich auf den Bondmarkt auswirken und schlussendlich auch auf die Aktienmärkte.

Starker Franken hat auch Vorteile

Bei vielen Schweizer Unternehmen ist der starke Franken nach wie vor das grosse Thema – auch wenn der Euro-Franken-Kurs in den vergangenen Tagen auf den höchsten Stand seit Aufhebung des Mindestkurses geklettert ist. Laut Piasko tendiert der Wechselkurs weiterhin in Richtung 1,10, mit einem Aber: "Wenn die EZB den Euro nochmals schwächen würde, hätte das auch einen Einfluss auf den Franken."

Mit diesen Devisenverhältnissen haben vor allem Firmen Mühe, die in der Schweiz produzieren und ins Ausland verkaufen, zum Beispiel die Maschinenindustrie. Bessere Karten habe hingegen die Luxus- und Uhrenbranche, weil sie über Preissetzungskraft verfüge, sagt Piasko. Zusätzlich sieht er Pharma weiterhin als Wachstumssektor mit mittelfristigem Potenzial und er hält Banken- und Versicherungsaktien als "historisch unterdurchschnittlich bewertet".

Es ist nicht das erste Mal, dass die Schweiz mit einer starken Währung klarkommen muss. Für Gérard Piasko hat das auch positive Folgen: "Die Schweizer Unternehmenskultur zeichnet sich durch Flexibilität aus." Das heisst konkret: Die Innovation fördern, die Kosten senken und teilweise die Preise erhöhen.