In Europa wird an einem neuen Stahlriesen geschmiedet

Die seit Jahren erwartete Konsolidierung der europäischen Stahlbranche könnte bald einen grossen Schritt vorankommen.
16.07.2016 09:45
Blick in eine Stahlwerkstatt von Von Roll in Emmenbrücke.
Blick in eine Stahlwerkstatt von Von Roll in Emmenbrücke.
Bild: Bloomberg

Durch eine Fusion der europäischen Stahlsparte von Thyssenkrupp mit Teilen Tata Steels würde der zweitgrösste Stahlkocher Europas nach ArcelorMittal geschmiedet. Der Stahlindustrie machen Überkapazitäten, Billigkonkurrenz aus Asien und immer strengere Klimaschutzauflagen zu schaffen.

Es folgen einige Fakten zu den Unternehmen:

TATA STEEL

Insider gehen davon aus, dass Tata und Thyssenkrupp ihre Werke in Deutschland und den Niederlanden zusammenführen wollen. Die zum Verkauf gestellten älteren Tata-Werke in Grossbritannien würden nicht dazu gehören. Tata beschäftigt im niederländischen IJmuiden rund 9000 Mitarbeiter. Das Werk mit einer Jahreskapazität von über sieben Millionen Tonnen erzielte zuletzt ein operatives Ergebnis (Ebitda) von rund 500 Millionen Euro. Kunden sind etwa die Automobil-, die Bau- und die Verpackungsindustrie. Tata Steel Europe gehört zum indischen Tata-Konzern mit über 100 Unternehmen und mehr als 600.000 Mitarbeitern. Zu dessen Geschäften zählen auch die Automobilproduktion mit der Marke Jaguar, die Telekommunikation, die Energieerzeugung oder Hotels. Die Gruppe erzielte zuletzt einen Umsatz von fast 100 Milliarden Euro.

THYSSENKRUPP STEEL EUROPE

Der grösste Stahlkonzern Deutschlands mit Sitz in Duisburg beschäftigt fast 28.000 Mitarbeiter. Vor allem dank Kostensenkungen hatte das Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr einen operativen Gewinn von knapp einer halben Milliarde Euro eingefahren, zuletzt gab es aber deutliche Einbussen. Jährlich produziert der Stahlkocher über zwölf Millionen Tonnen des für viele Wirtschaftsbereiche wichtigen Werkstoffs. Wichtige Kunden sind unter anderem die Automobilbranche, der Bausektor, der Maschinenbau, die Verpackungsindustrie und die Energiewirtschaft.

GRÜNDE FÜR EINE FUSION

Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger macht sich seit Monaten für Zusammenschlüsse der Branche mit über 300'000 Beschäftigten in Europa stark. "Aufgrund der extrem angespannten wirtschaftlichen Situation hält Thyssenkrupp eine Konsolidierung der europäischen Stahlindustrie für erforderlich", erklärt der Konzern. Einige Analysten halten die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit anschliessendem Börsengang für möglich. Durch einen Zusammenschluss könne der operative Gewinn des Joint Ventures um mehrere hundert Millionen Euro zulegen.

ARBEITNEHMERVERTRETER LEHNEN FUSION AB

Gegen den Widerstand der mächtigen Arbeitnehmervertreter wird Thyssenkrupp eine Fusion kaum durchsetzen können. Sie befürchten im Fall eines Zusammengehens der Konzerne, dass Arbeitsplätze gestrichen werden. Sollten Einsparungen vor allem durch einen Jobabbau und die Stilllegung von Hochöfen erzielt werden, dürften Betriebsrat und Gewerkschaften dem Management die Rote Karte zeigen. "Ich sehe nicht ein, warum hier Anlagen und Standorte geschlossen werden sollten. Das würde zu Widerstand führen", sagt Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath.

(Reuters)