Exodus von Topmanagern bei Richemont: Was steckt dahinter?

Der Rücktritt des Konzernchefs und seines Finanzchefs überschattet bei Richemont die Ergebnisveröffentlichung. Dennoch zieht der Aktienkurs dank ermutigenden Aussagen für den Oktober kräftig an.
04.11.2016 11:29
Von Lorenz Burkhalter
Beim Luxusgüterkonzern Richemont steht die Zeit auf Veränderungen.
Beim Luxusgüterkonzern Richemont steht die Zeit auf Veränderungen.
Bild: Bloomberg

Trotz einer Gewinnwarnung anlässlich des Zwischenberichts von Mitte September birgt das Halbjahresergebnis beim Luxusgüterkonzern Richemont grössere Überraschungen. Während sich die Umsatzentwicklung im Rahmen der Analystenerwartungen bewegt, übertrifft der operative Gewinn (EBIT) diese ziemlich deutlich.

Für Gesprächsstoff sorgen aber vor allem zwei Wechsel an der Spitze von Richemont. Sowohl Konzernchef Richard Lepeu als auch Finanzchef Gary Saage werden das Traditionsunternehmen aus Genf verlassen.

CEO Richard Lepeu wird per Ende März 2017, wenn er sein Pensionsalter erreicht hat, von seinem Posten zurücktreten. Ausserdem wird CFO Gery Saage seinen Posten per Ende Juli 2017 abgeben, um zu seiner Familie in die USA zurückzukehren, wie Richemont mitteilt. "Sich schnell verändernde Technologien" brächten bedeutende Herausforderungen für traditionelle Geschäftsmodelle, heisst es in der Mitteilung. Einen Nachfolger für CEO Lepeu ist noch nicht bestimmt.

Luxusgüterhersteller wie Richemont und auch Swatch stehen operativ seit Monaten wegen des anhaltenden Nachfragerückgangs in Asien unter Druck. Im Oktober hat dieser Druck beim Genfer Luxusgüterkonzern eigenen Angaben zufolge etwas nachgelassen.

Richemont verliert "einen der besten Finanzchefs der Schweiz"

Die Bank Vontobel nimmt in ihrem Marktkommentar nur am Rande Stellung zu den gewichtigen Managerrochaden. Allerdings weist der Verfasser darauf hin, dass insgesamt auch sieben Verwaltungsräte zurücktreten und durch drei Neuzugänge ersetzt werden. In Erwartung einer Belebung beim Geschäftsgang empfiehlt der Experte die Aktie weiterhin mit einem Kursziel von 70 Franken zum Kauf.

Kursverlauf der Richemont-Aktie im bisherigen Tagesverlauf, Quelle: www.cash.ch

Überrascht zeigt sich hingegen der für die Zürcher Kantonalbank tätige Berufskollege. Er wertet vor allem den Rücktritt von Finanzchef Gary Saage aus familiären Gründen negativ. Denn der Analyst bezeichnet Saage als "einen der besten Finanzchefs der Schweiz". Bei der Zürcher Kantonalbank erhofft man sich von der Analystenkonferenz weitere wichtige Informationen zum personellen Aderlass. Die Aktie wird vorerst mit "Untergewichten" eingestuft.

Auch bei der Credit Suisse wird der Abgang der beiden Schlüsselpersonen kritisch hinterfragt. Der Zeitpunkt dieser Rochade stelle eine rasche Nachfrageerholung für die Schweizer Uhrenbranche und bei Richemont in Frage, so schreibt der verantwortliche Experte. Er sieht das Unternehmen weiterhin mit Überkapazitäten und starkem Gegenwind in den Absatzmärkten haddern.

Überraschend optimistische Aussagen zum Oktober

Im Berufshandel werden die Veränderungen an der Konzernspitze ebenfalls kritisch hinterfragt. Mit einem Abstand von wenigen Monaten würden sowohl der Konzernchef als auch sein Finanzchef das Unternehmen verlassen, und das erst noch in einem schwierigen Umfeld, so heisst es. Beobachter vermuten nicht zuletzt auch Kostenüberlegungen hinter den angekündigten Veränderungen.

Laut Bank Vontobel birgt das Halbjahresergebnis nach dem Zwischenbericht für die ersten fünf Monate von Mitte September keine grösseren Überraschungen. Der Analyst stösst sich aber an der Tatsache, dass das Unternehmen in der Pressemitteilung auf Aussagen zur Absatzentwicklung im Oktober verzichtet hat.

Dieses Versäumnis hat Richemont mittlerweile korrigiert und sich optimistisch zur Absatzentwicklung im vergangenen Monat geäussert. An der Schweizer Börse SIX zieht der Kurs der Richemont-Aktie deshalb um 8,8 Prozent auf 68,65 Franken an. Die Tageshöchstkurse liegen bei 69 Franken.