Exoten gesucht: Banken werben um Nachwuchs

Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler auf der Suche nach dem schnellen Geld haben bei Investmentbanken künftig schlechtere Karten. Andere Fachrichtungen haben ebenso gute Chancen.
18.07.2016 02:55
Egal welche Fachrichtung: Banken sind offener geworden.
Egal welche Fachrichtung: Banken sind offener geworden.
Bild: pixabay.com

Als Barclays-Spitzenmanager Sam Dean jüngst eine Karrieremesse besuchte, liess er die Studenten an den grossen Finanz-Fakultäten stehen und suchte stattdessen das Gespräch mit jungen Menschen, die sich für andere Fachrichtungen interessierten. Er will Leute an die britische Grossbank binden, denen es nicht nur um ein möglichst imposantes Konto geht - und zielt damit auf ein weit verbreitetes Problem in der Branche ab: Junge Mitarbeiter werden Investmentbanker mit dem Ziel, schnell reich zu werden - und verlassen ihren Arbeitgeber schon wenige Jahre später, um bei Hedgefonds oder Finanzinvestoren noch mehr Geld zu scheffeln.

Die Hoffnung nach der Finanzkrise, diversen Skandalen und einer deutlich verschärften Aufsicht ist jetzt, dass Sprach- oder Geisteswissenschaftler mit anderen Vorstellungen in die Branche kommen.

Zusätzlich hat Barclays sein Praktikanten-Programm umgebaut und traut dem Nachwuchs mehr zu, als nur nächtelang Zahlenkolonnen zu wälzen. Das lockt Studenten aus anderen Fächern an: In diesem Sommer studieren 40 Prozent der Barclays-Praktikanten nicht Wirtschafts- oder Finanzwissenschaften. Zum Vergleich: In den vergangenen Jahren waren es nur ungefähr zehn Prozent. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Bankenbranche in den vergangenen Jahren Fehler gemacht hat", sagt Dean.

Theologen bei Banken?

Die Banken machen es damit den Unternehmensberatungen nach, die seit vielen Jahren gezielt auch Mediziner, Theologen oder Sprachwissenschaftler einstellen. Sie versprechen sich so, Mitarbeiter mit einer anderen Denkweise oder alternativen Lösungen für Probleme zu gewinnen - und damit für ihre Kunden bessere Ergebnisse zu erzielen.

Doch nicht nur bei den Studiengängen der Bewerber tut sich etwas. In den vergangenen Jahren rückte auch die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben in den Fokus. Spätestens seit dem Tod eines Praktikanten der Bank of America Merrill Lynch, der drei Tage und Nächte ohne Schlaf durchgearbeitet hatte und danach starb, hat ein Umdenken eingesetzt. Credit Suisse, JP Morgan, Goldman Sachs oder Barclays haben Regeln eingeführt, dass an Wochenenden oder Samstagen nicht gearbeitet werden darf, bei der Schweizer UBS dürfen Mitarbeiter unter der Woche zwei Stunden "persönliche Zeit" einplanen.

Damit reagieren sie auch auf die veränderten Wünsche des Nachwuchses. In einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Deloitte nannten Studenten, die an einem Job in der Bankenwelt interessiert waren, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als oberstes Ziel, nicht das Gehalt. Allerdings zweifelten sie auch an, dieses Ziel erreichen zu können.

Bessere Zeiten also für den Nachwuchs, zumal die Praktikantengehälter bei den Banken weiterhin glänzend sind und deutlich über dem liegen, was ein Lehrer oder ein Assistenzarzt nach seiner Ausbildung verdienen kann. Dennoch steht bei vielen Studenten das Finanzwesen nicht mehr an erster Stelle. 2015 war es der Konsumgütersektor, wie aus der Deloitte-Studie weiter hervorgeht.

Bis 2022 dürften den Experten zufolge Software- und Computerfirmen aufholen, zumal im Silicon Valley noch deutlich mehr Geld lockt: So erhalten Praktikanten bei Snapchat, Pinterest oder Twitter nach einer Studie mehr als 100.000 Dollar pro Jahr. Vielfach interessantere Aufgaben und weniger Arbeit - um hier mithalten zu können, müssen Banken einiges bieten.

(Reuters)