EY-Studie - Schweizer Rückversicherer stehen vor tiefgreifendem Wandel

Das Schweizer Rückversicherungsgeschäft muss sich gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens EY auf einen fundamentalen Branchenwandel einstellen.
30.08.2017 10:54
Das Logo von Swiss Re am Hauptsitz in Zürich. Auf die Rückversicherer kommen schwierige Jahre zu.
Das Logo von Swiss Re am Hauptsitz in Zürich. Auf die Rückversicherer kommen schwierige Jahre zu.
Bild: Bloomberg

Der Kampf mit sinkenden Prämien und Margen sowie einer gefährdeten Wertschöpfungskette zwinge die Rückversicherer, ihre strategische Ausrichtung zu hinterfragen. Ansonsten drohe der Niedergang, heisst es in der am Mittwoch veröffentlichten Studie. Verschärft werde die Situation zudem durch den Verdrängungskampf zwischen Erstversicherern.

Das Geschäftsmodell der Rückversicherer basiere seit Jahrzehnten auf Beständigkeit und konservativen Strategien. Dies erkläre zwar die Zufriedenheit mit dem Status quo, berge aber die Gefahr, die Zeichen der Zeit zu verkennen, so die Studie. Da zudem die Prämien sinken und neue Risiken an Bedeutung gewinnen, steige der Anpassungsdruck deutlich an.

Keine kurzfristige Schwankung

"Es gibt klare Hinweise, dass die Rückversicherer vor einem langfristigen, strukturellen Wandel stehen und nicht vor einer kurzfristigen Schwankung des Versicherungszyklus", meint Adrian Halter, Leiter Rückversicherung bei EY Schweiz. Früher habe die Branche Phasen mit niedrigen Prämien, sogenannte "Soft Markets", aussitzen können und hoffte auf grössere Schadenereignisse, auf die höhere Prämien und eine Margenerholung folgten.

Diese als natürliche Schwankungen zwischen "Hard Market" und "Soft Market" bezeichneten Versicherungszyklus seien aber in der Vergangenheit vermehrt ausgeblieben. Rekordhohe wirtschaftliche Schäden wie die 235 Mrd USD in Folge des Tohoku-Erdbeben und des Tsunami 2011 hätten nur geringe Auswirkungen auf die Prämien gehabt: "Wir beobachten aktuell, dass der Zyklus infolge der weiter steigenden Kapitalisierung allmählich abflacht und vor allem die Spitzen ausbleiben", so Halter.

Kundenstamm bricht weg

Zusätzlich aufhorchen lässt die EY-Prognose, dass die Erstversicherer als Hauptkundengruppe der Rückversicherer ebenfalls vor grossen Schwierigkeiten stehen. Im zweiten Quartal 2017 waren die Prämien laut EY seit 17 Quartalen in Folge rückläufig. Zudem drängten branchenfremde Mitbewerber mit innovativen Geschäftsmodellen in den Markt. Daher erwarten die Studienautoren, dass "im wahrscheinlichsten Szenario" rund 45% der Schweizer Erstversicherer bis 2030 aus den gesättigten Märkten verdrängt werden.

Aber auch steigende Risiken und grössere potenzielle Schäden in Folge der Zuwanderung in Städte oder durch die Bedrohung der Cybersicherheit gewinne rapide an Relevanz, heisst es weiter. Die Rückversicherer zeigten sich aber bisher zurückhaltend gegenüber diesen strategischen Anpassungsmöglichkeiten.

Neue Märkte und Produkte erschliessen

Die Experten sehen aber durchaus noch Potenzial für nachhaltiges und profitables Wachstum. Zum Beispiel sollen Rückversicherer ihre geografische Reichweite erhöhen und insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern aktiver werden. Versicherungslücken und hohes Wachstum böten attraktive Wachstumschancen. Daneben sollten Kundenbedürfnisse vermehrt mit einbezogen werden.

Vor allem im Bereich Cyberbedrohung liege ein Angebotsdefizit vor. Weil keine entsprechende Versicherungsprodukte erhältlich seien, sind laut EY gerade mal 10% der Unternehmen gegen Cyberbedrohungen versichert.

(AWP)