EZB-Tapering - Wie Mario Draghi einen «Wutanfall» der Märkte verhindern will

Der Abschied von ihren billionenschweren Anleihenkäufen wird für die Europäische Zentralbank eine heikle Mission. Das gilt selbst dann, wenn sie dabei äusserst behutsam vorgeht.
04.09.2017 03:35
Mario Draghi ist seit November 2011 EZB-Präsident.
Mario Draghi ist seit November 2011 EZB-Präsident.
Bild: Bloomberg

Denn inzwischen haben sich die Finanzmärkte an den beispiellosen Zufluss an billigem Geld gewöhnt. Wenn die EZB die ständigen Finanzspritzen allmählich niedriger dosieren wird, drohen starke Verwerfungen an den Börsen. Doch die Währungshüter haben ein Mittel, das die schwierige Entwöhnung erträglicher machen könnte. Sie können diesen Prozess steuern, indem sie Gelder aus fällig gewordenen Anleihen zurück in den Markt pumpen.

Banken gehen davon aus, dass solche Reinvestitionen ab kommendem Jahr stetig zunehmen werden. Demnach dürfte dadurch das Abschmelzen der Anleihenkäufe auf null - in der Fachwelt "Tapering" genannt - weniger schmerzlich ausfallen. Die zunehmenden Reinvestitionen werden der Notenbank bei ihrem Vorhaben helfen, sagt Zinsstratege Kim Liu vom Bankhaus ABN Amro voraus. "Diese sind erheblich und bedeuten, dass die EZB noch über Jahre ein bedeutender Akteur am Anleihenmarkt der Euro-Zone sein wird."

Die Zentralbank selbst hält sich allerdings darüber bedeckt, wie sie die Gelder aus fällig gewordenen Papieren reinvestiert. Sie hat lediglich angekündigt, dies flexibel und so lange wie erforderlich zu machen. Nach EZB-Angaben müssen die Rückzahlungen nicht sofort wiederangelegt werden, sondern die Notenbank kann ein paar Monate warten. Dies gibt ihr den nötigen Spielraum, um die Transaktionen beim Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik als Instrument der Feinsteuerung einzusetzen.

Die meisten Gelder aus fällig gewordenen Papieren werden Experten zufolge in Bundesanleihen fliessen. Auch italienische und französische Staatspapiere dürften besonders betroffen sein. Dies ist eine Folge des sogenannten Kapitalschlüssels. Er bestimmt, in welchem Ausmass Schuldtitel eines bestimmten Euro-Landes erworben werden. Zentrale Kriterien dafür sind die Wirtschaftskraft der Staaten sowie deren Anteil an der Finanzierung der EZB.

So langsam wie möglich

Die EZB erwirbt seit März 2015 in grossem Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Damit will sie die Konjunktur anschieben und die aus ihrer Sicht zu niedrige Inflation im Währungsraum nach oben treiben. Sie erwarb zunächst öffentliche Schuldtitel mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren, inzwischen kauft sie Papiere ab einem Jahr Laufzeit. Das Gesamtprogramm ist mittlerweile auf 2,28 Billionen Euro angelegt.

Laut EZB-Präsident Mario Draghi soll im Herbst über die Zukunft der Anleihenkäufe beraten werden. Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Notenbank die monatlichen Transaktionen ab Januar kommenden Jahres drosseln und dann mit der Zeit komplett abschmelzen wird.

Die Commerzbank-Ökonomen Jörg Krämer und Michael Schubert rechnen damit, dass die EZB dabei so langsam wie möglich vorgeht. "Konkret erwarten wir, dass sie im Herbst für das erste Halbjahr 2018 reduzierte Käufe von vermutlich 40 Milliarden Euro beschliesst, die weitere Entwicklung aber bewusst offenlässt", schätzen die beiden. Aktuell liegt das Volumen der monatlichen Käufe mit 60 Milliarden Euro deutlich höher.

Kein zweites «Taper Tantrum»

Dass die Börsen das Tapering wohl nicht so leicht verdauen werden, musste Draghi im Juni schmerzlich erfahren. Als er in einer Rede andeutete, die EZB könne wegen der Wirtschaftserholung künftig womöglich einen weniger expansiven Kurs fahren, reagierten die Finanzmärkte heftig. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen kletterte auf ein 18-Wochenhoch, auch der Kurs des Euro schoss nach oben.

Dies weckte Erinnerungen an die Marktverwerfungen vor vier Jahren, die als Wortspiel "Taper Tantrum" ("Entzugs-Wutanfall") in die Finanzgeschichte eingingen. Damals hatte der seinerzeitige US-Notenbankchef Ben Bernanke gewagt, erstmals ein Zurückfahren der Anleihenkäufe der Fed zu signalisieren. Ähnliche Börsenreaktionen will Draghi nun tunlichst vermeiden.

Helfen könnte ihm dabei die Reinvestition ausgelaufener Anleihen. Laut Berechnungen von ABN Amro könnte sich das Volumen derartiger Transaktionen in den nächsten drei Jahren auf 640 Milliarden Euro summieren. Die ersten Rückzahlungen aus fällig gewordenen Anleihen gab es im März. Daher ist der Umfang der Reinvestitionen bislang noch niedrig.

Nach Kalkulationen der Societe Generale lagen sie zwischen März und Juni lediglich bei 1,2 Milliarden Euro pro Monat. Im ersten Halbjahr 2018 könnten es demnach durchschnittlich aber schon 8,2 Milliarden Euro sein. Das Bankhaus ING sagt für das komplette nächste Jahr einen Monatsschnitt von 11,5 Milliarden Euro an Reinvestitionen voraus, davon 3,3 Milliarden in deutsche Schuldtitel.

(Reuters)