EZB will die Banken nicht weiter belasten

In der nächsten Woche dürfte die Europäische Zentralbank ihre konjunkturfördernden Massnahmen ausweiten. Derzeit sondieren die Notenbanker vertraulich, wie das geht, ohne dass Banken weiter belastet würden.
04.03.2016 20:02
Am EZB-Hauptsitz in Frankfurt brüten die Notenbanker derzeit über die richtige Strategie für den nächsten Zinsentscheid vom kommenden Donnerstag.
Am EZB-Hauptsitz in Frankfurt brüten die Notenbanker derzeit über die richtige Strategie für den nächsten Zinsentscheid vom kommenden Donnerstag.
Bild: Bloomberg

Ausschüsse haben geprüft, wie die Auswirkungen auf Banken gedämpft werden können und haben potenzielle Massnahmen vorbereitet, die von Varianten eines abgestuften Einlagensatzes bis hin zu Techniken rangieren, wie den Auswirkungen der Stimuli auf die Überschussliquidität entgegengewirkt werden kann, sagen Personen, die mit den Diskussionen vertraut sind. Die Überlegungen könnten immer noch vom Direktorium zurückgewiesen oder auf der Ratssitzung am 10. März abgelehnt werden. Ein EZB- Sprecher wollte keinen Kommentar abgeben.

Im Euroraum ist die Inflation wieder unter Null gerutscht, und die Besorgnis über den Zustand der Weltwirtschaft nimmt zu. Vor diesem Hintergrund erwägen EZB-Präsident Mario Draghi und seine Kollegen, ob die Geldpolitik der Erholung im Euroraum mehr Schwung verleihen sollte. Dabei ist ihre Hauptsorge, dass die Negativzinsen, insbesondere wenn sie weiter gesenkt werden, die Rentabilität der Banken schmälern könnten, sodass diese sich bei Krediten an Unternehmen und private Haushalte zurückhalten.

Draghi "sollte sich Sorgen machen"

Draghi “sollte sich Sorgen über die Auswirkungen auf das Bankensystem machen", sagt Mark Burgess, Chief Investment Officer für EMEA bei Columbia Threadneedle Investments, in einem Interview in Frankfurt am Mittwoch. “Er braucht einen gesunden Bankensektor."

Eine der einfachsten Massnahmen wäre eine Senkung des Einlagensatzes von derzeit minus 0,3 Prozent und eine Einführung eines zweistufigen Systems. Banken würden den negativen Satz nur für den Teil ihrer bei der EZB geparkten Gelder zahlen, der eine gewisse Schwelle überschreitet.

Eine derartige Fazilität - eine ähnliche nutzen andere Zentralbanken mit negativen Zinsen, beispielsweise die Schweizerische Nationalbank - wäre im Euroraum leicht umzusetzen, sagen die informierten Personen, die um Anonymität baten, da die Diskussionen vertraulich sind.

Ein Top-Manager bei einer grossen Euroraum-Bank, der ebenfalls bat, namentlich nicht genannt zu werden, sagte, er wisse nicht, ob die Banken unmittelbar mit einem abgestuften Einlagensatzsystem umgehen könnten. Das käme auf die Konzeption an, erklärte er.

Während die EZB in Frankfurt seit Mitte 2014 mit einem Einlagensatz unter Null agiert, hat sie bisher keine direkten Schritte unternommen, die potenzielle Beeinträchtigung der Banken-Rentabilität auszugleichen. Eine Senkung des Zinssatzes um mindestens zehn Basispunkte ist von den Investoren voll eingepreist, zeigen von Bloomberg zusammengestellte Daten auf der Basis von Swaps auf den Eonia.

EZB weiss um die Probleme

Das Problem der Finanzinstitute ist, dass sie die Kosten für den Unterhalt von Übernacht-Geldern bei der Notenbank nicht leicht an ihre Kunden weitergeben können, da sie befürchten, dass diese ihre Sparkonten abziehen. Bankaktien verzeichneten in diesem Jahr einen Ausverkauf, teilweise wegen Befürchtungen, dass stärkere Negativzinsen bevorstehen.

Das müssen die EZB-Währungshüter berücksichtigen, für die am Donnerstag ihre selbst auferlegte Schweige-Periode begann.

“Wir sind uns dieses Problems sehr wohl bewusst", sagte EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré am Mittwoch. “Wir verfolgen es regelmässig und studieren sorgfältig die in anderen Jurisdiktionen verwendeten Systeme, um mögliche negative Konsequenzen für den Banken-Kreditkanal zu reduzieren."

Eine andere technisch einfache Option für die EZB wäre eine Anhebung der monatlichen Bondkäufe unter QE. Die Notenbank hat aktuell in Aussicht gestellt, monatlich 60 Mrd. Euro für öffentliche und private Anleihen bis mindestens März 2017 auszugeben, was einer Gesamtsumme von mindestens 1,5 Billionen Euro entspricht.

Kostenlast

Dennoch schafft das Programm zusammen mit den gezielten Langfristkrediten an Banken, kurz TLTROs genannt, grosse Volumina an liquiden Mitteln, die irgendwo anders geparkt werden müssen. Die Überschussliquiditätim Euroraum ist von weniger als 150 Mrd. Euro vor einem Jahr, als das quantitative Lockerungsprogramm begann, auf mehr als 700 Mrd. Euro gestiegen. Mit dem negativen Einlagensatz sind diese Überschussgelder eine Kostenbelastung für die Banken geworden.

Die EZB erwägt verschiedene Optionen, um sicher zu stellen, dass Banken für die zusätzliche Liquidität nicht bestraft werden und die Kreditvergabe drosseln, sagte eine der Personen. Ein Weg könnte sein, die Schwelle für den gestuften Einlagensatz bei einem Vielfachen der Reserveanforderungen der Banken festzusetzen. Banken könnten für diese Beträge einen Zinssatz in Höhe des Hauptrefinanzierungssatzes zahlen, der derzeit bei 0,05 Prozent liegt, sagte die informierte Person.

“Ein leichter Weg wäre zu entscheiden, dass alle zusätzlichen liquiden Mittel, die über TLTROs von der EZB an die Banken fliessen, nicht den Negativ-Zinsen unterliegen, was bedeutet, dass sie als notwendige Reserven und nicht als Überschussliquidität behandelt werden", sagt Frederik Ducrozet, Ökonom bei Banque Pictet in Genf. “Man muss einen Weg finden, den Anteil der Bankenreseven zu erhöhen, die nicht den negativen Zinsen unterliegen und sicher stellen, dass die Kreditexpansion auf Kurs bleibt."

"Nullsummenspiel"

Die Negativzins-Politikist in den vergangenen Wochen am Markt zunehmend kritisiert worden, so vom britischen Notenbankgouverneur Mark Carney in einer Rede in Schanghai in der letzten Woche. Er sagte, dass sie helfe das "Nullsummenspiel" von Währungskriegen anzuheizen.

Coeuré verteidigte in seiner Rede den lockeren geldpolitischen Kurs und sagte, dass die Banken und die Wirtschaft ohne diesen schlechter dastehen würden. Die Herausforderungen, vor denen der Euroraum steht, offenbarten sich auch in einer von Markit Economics veröffentlichten Umfrage unter Einkaufsmanagern. Dem PMI-Index zufolge haben Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor im Februar die Preise gesenkt.

“Der Euroraum erholt sich noch von einer Wirtschafts- und Finanzkrise, wie sie nur einmal in einer Generation vorkommt und die tiefe Wunden hinterlassen hat", sagte Coeuré. "Sowohl Zentralbanker als auch Finanzinstitute müssen ihre Aufgabe erfüllen. Sie müssen gewährleisten, dass das Finanzsystem für diesen Zweck fit und in der Lage ist, die Erholung zu finanzieren - und sie müssen das heute, nicht morgen tun."

(Bloomberg)