EZB will notfalls Geldschleusen öffnen

Die drohende Konjunkturabkühlung vor allem in China und die stark gefallenen Energiepreise bereiten der Europäischen Zentralbank (EZB) immer mehr Sorgenfalten.
03.09.2015 16:51
Wirft die EZB noch mehr Geld auf den Markt?
Wirft die EZB noch mehr Geld auf den Markt?
Bild: cash

Präsident Mario Draghi kündigte am Donnerstag nach der Ratssitzung in Frankfurt deshalb an, die Feuerkraft des bereits über eine Billion schweren Programms zum Ankauf von Staatsanleihen notfalls zu erhöhen. "Es gibt für die EZB keine speziellen Grenzen, die Geldpolitik zu beschleunigen", sagte Draghi. Die EZB sei willens und auch fähig zu handeln. Wegen der gestiegenen Risiken senkte sie ihre Prognosen für Inflation und Wachstum überraschend deutlich. Den Leitzins für die Versorgung des Bankensystems mit frischem Geld beliessen die Notenbanker auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent.

Aktienmärkte legen zu

Die Aussagen von Draghi gaben dem Aktienmarkt kräftig Auftrieb. Der Leitindex Dax weitete seine Gewinne aus und stieg in der Spitze um 2,6 Prozent auf ein Tageshoch von 10.312 Zähler. Der Euro rutschte um mehr als einen US-Cent auf 1,1108 Dollar von 1,1230 Dollar.

"Zuletzt sind erneut Gefahren für das Wachstum und den Inflationsausblick aufgetreten", sagte Draghi. Die aktuellen Entwicklungen in den Schwellenländer hätten das Potenzial, das globale Wachstum zu bremsen. Insbesondere die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft könnte sich negativ auf die Handelskanäle auswirken und auch andere Volkswirtschaften in der ganzen Welt schwächen. Dazu komme, dass die gesunkenen Rohstoffpreise und ein zuletzt erstarkter Euro es schwerer machten, dass sich die Inflation im Währungsraum wieder nachhaltig in Richtung der Zielmarke zwei Prozent bewege.

In diesem Jahr erwartet die EZB kaum noch steigende Preise im Währungsraum. Sie senkte ihre Prognose auf 0,1 von 0,3 Prozent. "Wir könnten in den nächsten Monaten negative Inflationszahlen sehen", sagte Draghi. Er liess aber offen, ob dies bereits eine Deflation sei - also ein gefährliches Abrutschen der Preise auf breiter Front. Für 2016 rechne die EZB jetzt noch mit einem Preisanstieg von 1,1 (bisher: 1,5) Prozent, für 2017 von 1,7 (1,8) Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum werde in diesem Jahr nur noch um 1,4 (1,5) Prozent zulegen. Für 2016 peilen die Währungshüter nun ein Plus von 1,7 (1,9) Prozent an - für 2017 von 1,8 (2,0) Prozent.

Im August lag die Teuerung in der Währungsunion nur bei 0,2 Prozent - Ziel der Währungshüter ist aber eine Rate von knapp unter zwei Prozent. Diesen Wert sieht die Notenbank als ideal für die Wirtschaftsentwicklung.

Anleihenkäufe notfalls ausweiten

Angesichts der gestiegenen Gefahren schliesst Draghi eine nochmalige Lockerung der Geldpolitik nicht aus. "Das Wertpapier-Kaufprogramm bietet hinreichend Flexibilität, was die Änderung von Umfang, Zusammensetzung und Laufzeit angeht", sagte Draghi. Bereits jetzt setzten die Währungshüter das Kauflimit je Emission von 25 Prozent auf 33 Prozent herauf. Den monatlichen Umfang der Wertpapierkäufe von 60 Milliarden Euro will die EZB laut Draghi voll ausschöpfen.

"Die EZB hat deutlicher als erwartet ihre Projektion für Wachstum und Inflation gesenkt", sagte etwa Alexander Krüger, Volkswirt beim Bankhaus Lampe. Mit dem Hinweis darauf, dass es bei den geldpolitischen Möglichkeiten keine Grenzen gebe, habe Draghi angedeutet, dass die EZB willens sei, demnächst mehr zu tun als das bisher Angekündigte. Der EZB-Chef seit darum bemüht, keinen Zweifel an der Handlungsbereitschaft der Notenbank aufkommen zu lassen, sagte Ralf Umauf von der Helaba.

Die Währungshüter fluten bereits seit März das Finanzsystem durch den Kauf von Staatsbonds der Euro-Länder jede Woche mit Milliarden. Das vor allem in Deutschland umstrittene Programm soll bis Laufzeitende im September 2016 ein Volumen von 1,14 Billionen Euro haben. Anleihen sollen dadurch für Banken als Investment unattraktiver werden. Stattdessen sollen die Institute mehr Kredite vergeben, was die Konjunktur positiv beeinflussen und die nach EZB-Sicht unerwünscht niedrige Inflation antreiben würde.

Das Anleihenkaufprogramm trägt bereits an einigen Stellen Früchte - insbesondere die Kreditvergabe im Währungsraum hatte sich zuletzt verbessert. So reichten Banken im Juli an Firmen ausserhalb der Finanzbranche 0,9 Prozent mehr Kredite aus als ein Jahr zuvor - im Juni hatte das Plus nur bei 0,2 Prozent gelegen . (Weiterer Reporter: John O' Donnell; redigiert von Alexander Ratz.; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 069-7565 1312 oder 030-2888 5168.)

Erste Reaktionen von Ökonomen

Ökonomen sagten zu Draghis Äusserungen in ersten Reaktionen:

ULRICH LEUCHTMANN, COMMERZBANK:

"Mit der Anhebung der Obergrenze beim Kauf von Anleihe-Gattungen hat EZB-Chef Mario Draghi die Tür für eine Ausweitung oder Verlängerung des QE-Programms offengelassen. Zudem hat er sich sehr pessimistisch über die Inflationsaussichten geäussert. Das belastet natürlich den Euro."

CYRUS DE LA RUBIA, HSH NORDBANK:

"Die Reaktion der Märkte zeigt, dass die Anleger auf eine Ausweitung des Anleihenkaufprogramms der EZB spekulieren. EZB-Chef Mario Draghi hat sich darauf in seiner Erklärung allerdings nicht festgelegt. Aus unserer Sicht wird es auch nicht dazu kommen, denn bis September nächsten Jahres ist es noch lang hin und bis dahin kann in puncto Inflation und Wachstum der Euro-Zone noch viel passieren."

RALF UMLAUF, HELABA:

"EZB-Chef Draghi ist darum bemüht, keinen Zweifel an der Handlungsbereitschaft der EZB aufkommen zu lassen, konkrete Hinweise auf baldige Massnahmen - wie zum Beispiel die Ausweitung des QE - gibt es aber nicht. So verwies Draghi zwar auf neue Abwärtsrisiken für die Wirtschaftsentwicklung, ausgehend von den Risiken einer schwächeren globalen Wirtschaft, der stimulierende Effekt der Ölpreisschwäche und die Wirkung der expansiven Geldpolitik sollten die Binnenwirtschaft aber stärken. Auch hält der EZB-Chef mögliche negative Inflationsraten in den kommenden Monaten für vorübergehend."

HOLGER SANDTE, NORDEA

"Das war eine ausgesprochen weiche Botschaft von der EZB. Die Wachstumssorgen von Draghi und Co. haben deutlich zugenommen, vor allem wegen der Schwäche vieler Emerging Markets. Viel geldpolitische Munition hat die EZB allerdings nicht mehr. Eine Ausweitung der Anleihekäufe in den kommenden Monaten ist durchaus möglich. Ich erwarte auch nicht, dass die EZB die Anleihekäufe im September 2016 tatsächlich einstellen wird. Wahrscheinlich wird sie länger kaufen. Zinserhöhungen sind nicht in Sicht, die Leitzinsen könnten sogar noch etwas sinken."

ALEXANDER KRÜGER, BANKHAUS LAMPE:

"Die EZB hat deutlicher als erwartet ihre Projektion für Wachstum und Inflation gesenkt. Mit dem Hinweis darauf, dass es bei den geldpolitischen Möglichkeiten keine Grenzen gibt, hat Draghi angedeutet, dass die EZB willens ist, demnächst mehr zu tun als das bisher Angekündigte. Ein Indiz dafür ist auch, dass sie das Volumen zum Kauf von Neuemission anhebt."

(Reuters)