EZB wird Zinszügel nicht lockern

Die Europäische Zentralbank wird Experten zufolge ihr Pulver trotz höherer Konjunkturrisiken nach dem Brexit-Votum vorerst trocken halten.
17.07.2016 13:49
Steht am Donnerstag einmal mehr im Fokus: EZB-Präsident Mario Draghi.
Steht am Donnerstag einmal mehr im Fokus: EZB-Präsident Mario Draghi.
Bild: Bloomberg

Ökonomen gehen davon aus, dass die Währungshüter auf ihrer Ratssitzung am Donnerstag die Leitzinsen nicht antasten werden, die seit März auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegen.

Sie halten es aber für möglich, dass EZB-Chef Mario Draghi Stellschrauben für das umstrittene Anleihen-Kaufprogramm nachjustiert oder dies zumindest in Aussicht stellt. Denn nach der Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt waren viele Investoren in als sicher geltende deutsche Staatsanleihen geflüchtet. In der Folge sanken die Renditen. Der EZB könnten damit bald Engpässe bei ihren Käufen drohen - und so eines ihrer wichtigsten Instrumente ins Stocken geraten.

"Das EZB-Treffen nächste Woche wird von der Brexit-Abstimmung dominiert werden", sagt Carsten Brzeski, Deutschland-Chefvolkswirt des Bankhauses ING. Die Sitzung komme aber zu früh, um das Ausmass negativer wirtschaftlicher Folgen für die Euro-Zone schon abzuschätzen. "Wir glauben, dass die EZB schlichtweg versuchen wird, Zeit zu kaufen."

Augen auf Bank of England

Nach Einschätzung von Helaba-Ökonom Ulf Krauss hat die EZB auch die Bank von England fest im Blick. Die Hauptbetroffenen eines Brexit müssten sich als erstes bewegen. "Alles andere würde nur Fragen bezüglich der Stabilität des Euro-Raums provozieren." Grossbritanniens Notenbank hatte am Donnerstag ihre Zinszügel trotz drohender Rezession im Land still gehalten und eine Leitzinssenkung erst für August angedeutet.

Anna Grimaldi von der italienischen Grossbank Intesa Sanpaolo glaubt, dass die EZB auf gestiegene Gefahren für das Wirtschaftswachstum und die Inflationsentwicklung im Euro-Raum hinweisen wird. Im Juni lag die Teuerung hier lediglich bei 0,1 Prozent. Die EZB strebt aber als Idealwert für die Wirtschaft knapp zwei Prozent Inflation an.

Viele Fachleute gehen davon aus, dass die erwartete Konjunkturabkühlung in Grossbritannien auch auf die Euro-Zone durchschlagen wird. Draghi hatte bereits von einem verringerten Wachstum um insgesamt bis zu einem halben Prozentpunkt in den kommenden drei Jahren gewarnt.

Weit offene Geldschleusen

Im Kampf gegen ein schwaches Wirtschaftswachstum und die aus EZB-Sicht zu niedrige Inflation hält die Notenbank ihre Geldschleusen schon lange weit offen. Seit März 2015 pumpen die Euro-Wächter Woche für Woche über Anleihenkäufe Milliarden in das Bankensystem, um Institute zur stärkeren Vergabe von Krediten zu bewegen. Das inzwischen auf 1,74 Billionen Euro angelegte Programm umfasst seit kurzem auch Firmenanleihen und soll noch bis mindestens Ende März 2017 laufen.

Inzwischen fragen sich aber Experten, ob die EZB ihre Wertpapierkäufe überhaupt im geplanten Umfang umsetzen kann. Denn zuletzt rentierten Bundesanleihen mit einer Laufzeit von bis zu sieben Jahren unter dem sogenannten Einlagensatz von minus 0,4 Prozent. Damit sind sie nach den EZB-Regeln im Rahmen des Programms nicht mehr kauffähig. Passende Anleihen drohen damit rar zu werden.

"Als Reaktion hierauf wird die EZB vermutlich auch Anleihen kaufen, deren Renditen unter dem Einlagensatz liegen", schätzt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert. Geldhäuser müssen bereits seit 2014 Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht bei der EZB Geld parken. BayernLB-Ökonom Johannes Mayr hält es für möglich, dass die EZB die Ankaufgrenze pro Emission nach oben setzt, die aktuell bei 33 Prozent liegt.

Für unwahrscheinlich halten Experten, dass die Währungshüter das Grundgerüst der Käufe über Bord werfen - die Orientierung am Kapitalschlüssel. Dies würde sonst bedeuten, dass mehr Anleihen jener Länder aufgekauft werden, als diese der Zentralbank Eigenkapital zur Verfügung stellen.

Würden die Käufe etwa nach dem ausstehenden Marktvolumen organisiert, wären besonders hoch verschuldete Länder im Vorteil. "Damit würde sich die EZB dem Verdacht der monetären Staatsfinanzierung aussetzen", so Commerzbank-Ökonom Schubert.

(AWP)