Fakten sprechen gegen Fortsetzung der Trump-Rally

Glaubt man der Geschichte, sollten sich Anleger in den kommenden Wochen auf fallende Aktienkurse an der Wall Street einstellen.
23.01.2017 14:20
Blick auf ein Schriftzug der Nasdaq in New York. Nach einem Präsidentenwechsel geben die US-Börsen meist nach.
Blick auf ein Schriftzug der Nasdaq in New York. Nach einem Präsidentenwechsel geben die US-Börsen meist nach.
Bild: Bloomberg

In dem Monat nach der Amtseinführung eines neuen US-Präsidenten hat der Auswahlindex S&P 500 in den vergangenen 88 Jahren im Schnitt 2,7 Prozent verloren, wie eine Reuters-Studie zeigt. Selbst unter den populären Präsidenten Ronald Reagan und Barack Obama, die am Ende ihrer Amtszeiten Kurszuwächse von 120 und 165 Prozent vorweisen konnten, brachen die Wall-Street-Kurse in den ersten Wochen nach der Schlüsselübergabe im Weissen Haus um 4,8 und 15 Prozent ein.

Nur vier Präsidenten konnten sich seit 1929 steigende Kurse an der New Yorker Börse auf die Fahnen schreiben: Nach Herbert Hoovers Antritt im Januar 1929 legte der Index im Monat danach um 3,8 Prozent zu, auf John F. Kennedys Konto ging 1961 ein Plus von sechs Prozent, auf das von George H. W. Bush 1989 5,3 Prozent und als Bill Clinton 1993 das Oval Office bezog, legten die Kurse um 0,8 Prozent zu.

"Die grosse Frage ist jetzt, wie es unter Trump weitergeht", sagt Devisenspezialist James Binny vom Vermögensverwalter State Street. "Auf der einen Seite haben wir den Donald Trump, der Konjunkturprogramme plant und das weltweite Wachstum ankurbeln könnte, auf der anderen Seite könnte der protektionistische Trump genau das Gegenteil bewirken." Trump übernahm am Freitag als 45. Präsident das Ruder der weltweit grössten Volkswirtschaft und hat in seiner Antrittsrede das Credo ausgerufen "Amerika zuerst".

Kursrally an der Wall Street nach Wahlieg ist verpufft

Kaum ein Präsident erhielt an der Börse derart viele Vorschusslorbeeren wie Trump. Der S&P 500 gewann seit seinem Wahlsieg Anfang November rund neun Prozent und erreichte Anfang Januar ein Rekordhoch von 2282 Punkten. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schoss um 2000 Punkte nach oben und steht kurz davor, die noch nie erreichte Marke von 20'000 Zählern zu knacken. Der Dollar kletterte zum Euro auf den höchsten Stand seit 14 Jahren. Unternehmen und Anleger schenkten Trumps Versprechen im Wahlkampf Glauben, er wolle viel Geld in Infrastrukturprogramme stecken, Steuern senken und die unter seinem Vorgänger Barack Obama verschärfte Finanzmarkt-Regulierung aufweichen.

Doch die Vorsicht der Anleger kehrte zurück: In der Woche vor der Amtseinführung rutschten der Dow-Jones-Index und der Dollar auf Sechs-Wochen-Tiefs ab, die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen fiel auf den tiefsten Stand seit Ende November und Gold, das in unsicheren Zeiten als sicherer Anlagehafen angesteuert wird, stieg auf den höchsten Stand seit zwei Monaten. "Wir haben uns neutral aufgestellt, weil wir nicht genau wissen, in welche Richtung Trump geht", sagt Chef-Anlagestratege Lukas Daadler vom Vermögensverwalter Robeco Group. Analyst Neil Wilson vom Brokerhaus ETX Capital kritisiert, Trump habe bislang Protektionismus geschürt, aber nur wenige Details zu wachstumsfördernden Programmen genannt.

Experten befürchten, dass vor allem eine Politik der Abschottung ein Belastungsfaktor für die US-Wirtschaft und damit die Aktien- und Devisenmärkte werden kann. "Sollte irgendwann der Rest der Welt nicht mehr bereit sein, Investitionen und Konsum der USA in zunehmendem Umfang zu finanzieren, werden die US-Haushalte zu einem geringeren Teil vom US-Wachstum profitieren als bislang. Für den Dollar hiesse das deutliche Schwäche", betont Commerzbank-Analystin Antje Praefcke.

(Reuters)