Finanzbranche Europa - Im Kampf ums Clearing tickt die Uhr für Frankfurt

Die Abwicklung von Derivategeschäften zählt nach dem Brexit zu den brisantesten Themen in der Finanzbranche. Muss das sogenannte Clearing von Euro-Geschäften ab März 2019 von London in die EU verlagert werden?
20.05.2017 11:53
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Bild: Pixabay

Oder reicht es, wenn sich das britische Clearinghaus LCH.Clearnet auch nach dem Brexit der Kontrolle von europäischen Aufsichtsbehörden unterwirft? Es sind Fragen, von denen Tausende Arbeitsplätze abhängen - und aus Sicht mancher Beteiligter auch die Stabilität der Finanzmärkte.

In Frankfurt und Paris und hoffen viele Politiker, dass ihre Städte ein grosses Stück vom Kuchen abbekommen. Und die Chancen dafür steigen, je länger die Unsicherheit über die künftigen Regeln anhält. Denn grosse Finanzinstitute wie die Deutsche Bank können ihre Entscheidungen über eine mögliche Verlagerung von Clearinggeschäften nicht mehr lange hinauszögern. "Die Deutsche Bank muss in den nächsten Monaten entscheiden", sagt ein hochrangiger europäischer Bankenaufseher. Das Institut wollte sich dazu nicht äussern.

Deutschlands grösstes Geldhaus und andere Investmentbanken müssen Insidern zufolge den Aufsichtsbehörden im Rahmen ihrer Brexit-Notfallpläne darlegen, dass sie auf einen möglichen Abzug des Euro-Clearings aus London vorbereitet sind. Einige Banken haben deshalb in den vergangenen zwölf Monaten Konten bei der Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing in Frankfurt eröffnet, wie es in Finanzkreisen heisst. Viele andere verfügen darüber ohnehin schon länger. "Viele Institute lassen mehr Geschäfte über Eurex Clearing laufen, um Erfahrungen zu sammeln", sagt eine mit dem Vorgang vertraute Person.

Vorfreude bei der Deutschen Börse

Das spiegelt sich auch in den Zahlen des Frankfurter Clearinghauses wider. Hier hat sich das ausstehende Nominalvolumen bei der Abwicklung ausserbörslich gehandelter (OTC) Euro-Derivate von April 2016 bis April 2017 auf 1,05 Billionen Euro mehr als vervierfacht. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Banken im Laufe des vergangenen Jahres gesetzlich gezwungen wurden, mehr Geschäfte über Clearinghäuser abzuwickeln. Aber auch die Unsicherheit wegen des Brexit hat der Deutschen Börse zusätzliches Geschäft beschert.

"Wir verzeichnen eine steigende Nachfrage von Kunden", betont Eurex-Clearing-Chef Erik Müller. Und er macht deutlich, dass sich sein Unternehmen bereit fühlt, bei Bedarf grosse Teile des Londoner Clearinggeschäft zu übernehmen. "Unsere IT-Infrastruktur und unser Risikomanagement sind auf dem neuesten Stand und in vollem Masse skalierbar."

Sorgen bei der Deutschen Bank

Clearinghäuser stehen im Handel zwischen Käufer und Verkäufer und springen ein, wenn einer der Handelspartner ausfällt. Dadurch soll die Transparenz und Sicherheit des Finanzsystems erhöht werden. Die EU will sicherstellen, dass sie auch nach dem Brexit Kontrolle über die Abwicklung von Euro-Derivategeschäften hat - und dafür Vorschläge im Juni in Aussicht gestellt. Wann es endgültig Klarheit über das künftige Regelwerk gibt, steht allerdings in den Sternen.

Für die Deutsche Bank, die einen Grossteil ihrer Derivategeschäfte in London abwickelt, ist das ein Problem. Sie hofft, dass der Status Quo beibehalten wird. Aber sie kann ihre Entscheidung über eine mögliche Verlagerung nicht ewig hinauszögern, wie Regulierungsvorstand Sylvie Matherat kürzlich auf einer Finanzkonferenz sagte. "Es gibt einen Punkt, ab dem wir uns nicht mehrere Optionen offenhalten können."

Der Umzug des Derivate-Clearings wäre für das Geldhaus schliesslich extrem teuer und aufwendig. Die Deutsche Bank müsste in diesem Fall etwa unzählige Verträge mit Kunden ändern, die bisher nur eine Vereinbarung mit der Londoner Niederlassung des Instituts hätten, betont Matherat. "Das ist eine riesiger Berg an Arbeit - Anwälte werden daran viel Geld verdienen." 

(Reuters)