Finanzmärkte - Weniger ist mehr - London debattiert die Verkürzung des Börsenhandels

An der Londoner Börse könnte der Handel um 90 Minuten verkürzt werden. Befürworter sprechen von einer Entlastung der Händler. Aber es gibt auch Kritik an der Idee.
09.11.2019 06:45
Der Sitz der London Stock Exchange am Paternoster Square ihn London.
Der Sitz der London Stock Exchange am Paternoster Square ihn London.
Bild: unsplash.com

In den vergangenen Jahren haben die europäischen Börsen ihre Handelszeiten immer weiter ausgeweitet. Nun schlägt das Pendel offenbar zurück. Die britischen Branchenverbände Association for Financial Markets in Europe (AFME) und Investment Association (IA) schlagen eine Verkürzung des Londoner Börsenhandels um 90 Minuten vor.

Statt von 08.00 bis 16.30 Uhr Ortszeit soll der Aktienmarkt seine Tore künftig zwischen 09.00 und 16.00 Uhr öffnen.

"Durch die Verkürzung wird die Liquidität stärker konzentriert", argumentiert AFME. "Ausserdem gäbe sie Händlern und Anlegern mehr Zeit, Mitteilungen von Unternehmen zu verdauen." Börsenhändler Mark Taylor vom Brokerhaus Mirabaud stimmt dieser Einschätzung zu. "Wir alle kommen vor der Börsen-Eröffnung rein", sagt er. "Eine Extra-Stunde Vorbereitungszeit würde die bislang fieberhafte Suche und Verarbeitung der wichtigen Nachrichten entzerren."

Einer Aktienhändlerin zufolge könnten die Pläne mehr Frauen den Weg in ihren Beruf ebnen, weil sie familienfreundlichere Bürozeiten ermöglichen würden. "Unser Arbeitstag ist elf Stunden lang und nicht acht wie offiziell festgelegt", erläutert sie. Dem britischen Regulierer FCA zufolge stagniert die Zahl der Frauen in leitenden Positionen in der Finanzwirtschaft ungeachtet der Diskussion über eine grössere Diversität seit 2005. Bei Brokerhäusern sei die Frauenquote besonders gering.

Konkurrenz durch Dark Pools

Bilal Hafeez, Chef des Research-Hauses MacroHive, bezweifelt allerdings, dass kürzere Börsenzeiten zu höherer Liquidität in den verbleibenden Handelsstunden führen. Anleger würden voraussichtlich verstärkt auf ausserbörsliche Plattformen, sogenannte Dark Pools, ausweichen. Denn sie wollten schliesslich unmittelbar auf die sich rasch ändernde Nachrichtenlage reagieren.

Nach Einschätzung von Ben Springett, Chef des elektronischen Handels bei der Investmentbank Jefferies, ist daher eine Angleichung der Handelszeiten zwischen den offiziellen Börsen und den ausserbörslichen Plattformen entscheidend. Sollten letztere ihre Handelszeiten ausweiten, wäre dies kontraproduktiv.

Dem Branchendienst Tabb zufolge wurden im Juli 9,6 Prozent aller Börsengeschäfte über Dark Pools abgewickelt. Das sei der höchste Stand seit Inkrafttreten strengerer EU-Regeln für die Finanzmärkte Anfang 2018. Die europäischen Regulierer wollen den ausserbörslichen Handel eindämmen, da er weniger transparent ist. Dark Pools sind bei institutionellen Anlegern beliebt, weil dort grössere Wertpapier-Pakete ohne Auswirkungen auf den Börsenkurs ge- oder verkauft werden können.

Anlagestratege Chris Bailey vom Vermögensberater Raymond James weist auf einen weiteren Aspekt hin: "Die Stärke Londons ist die Überschneidung sowohl mit dem asiatischen als auch dem US-Handel. Die aktuellen Rahmenbedingungen sind genau richtig."

(Reuters/cash)