«Finanzstress ist noch nicht vorüber»

Die Einführung von Negativzinsen der SNB sorgt für Gesprächsstoff unter Experten. Lesen Sie hier deren Meinungen.
18.12.2014 16:34
Von Ivo Ruch
Die SNB führt ab Ende Januar Negativzinsen ein.
Die SNB führt ab Ende Januar Negativzinsen ein.
Bild: www.snb.ch

Obwohl immer wieder darüber spekuliert wurde, kam die Nachricht schlussendlich doch überraschend. Ab 22. Januar zahlen die Banken, die Guthaben von mehr als 10 Millionen Franken auf den Girokonten der Schweizerischen Nationalbank halten, einen Strafzins in Höhe von minus 0,25 Prozent. Damit soll der anhaltende Kapitalzufluss aus dem Ausland möglichst gering gehalten und der Euro-Franken-Kurs gestützt werden.

Überrascht vom Zeitpunkt der Ankündigung wurden auch verschiedene Marktexperten. Laurent Bakhtiari, Analyst beim Tradinghaus IG, schreibt in einem Kommentar, der Zeitpunkt sei sehr mutig, aber gut gewählt. Denn die SNB reagiere vor dem nächsten Treffen der Europäischen Zentralbank (EZB), an dem ein "Quantitative Easing"-Programm erwartet wird. Mit dem Aufdrehen des Geldhahnes durch die EZB dürfte der Franken tendenziell an Stärke gewinnen.

"Nun beginnt der lange erwartete Kampf zwischen der SNB und EZB. Und die SNB hat den ersten Zug sehr gut gemacht", schreibt Bakhtiari weiter. Die Schweizer Währungshüter müssten ihren europäischen Kollegen aber weiterhin stets einen Schritt voraus sein, wenn sie den Mindestkurs verteidigen möchten.

Rascher als erwartet

Für die Analysten der Zürcher Kantonalbank (ZKB) kam der Schritt rascher als erwartet. Sie waren davon ausgegangen, dass die SNB zu diesem "durchaus auch mit negativen Effekten behafteten Mittel" erst dann greifen würde, wenn die EZB ein Staatsanleihekaufprogramm ankündigt.

Ob die Negativzinsen der grosse Befreiungsschlag für die SNB sind, bezweifeln die Marktbeobachter allerdings. Stellvertretend die VP Bank: "Die Schweizer Wirtschaft schlägt sich gut, während die Eurozone angeschlagen bleibt. Der Aufwertungsdruck auf den Franken wird hoch bleiben", schreiben sie in einem Kommentar.

Ein wirksames Instrument

Auch die Devisenspezialisten von DailyFX sind der Meinung, dass der Schritt nicht ausreichen wird, um gänzlich den Aufwertungsdruck des Franken zu verhindern. Wenn die Aktienmärkte nicht aus dem Korrekturmodus fänden, werde der Franken gefragt bleiben. "Der Finanzstress ist noch nicht vorüber", so der Marktanalyst Niall Delventhal.

Die Bank J. Safra Sarasin erwartet, dass die Negativzins-Massnahmen der SNB zwar etwas Luft verschaffen sollten. "Negativzinsen sind ein wirksames Instrument, um den spekulativen Zulauf in den Franken einzudämmen", schreibt Chefökonom Karsten Junius in einer Analyse. Aber einen Wendepunkt für den Frankenkurs sieht auch er nicht.

Auf einen weiteren Aspekt weisen die Analysten der Neuen Helvetischen Bank hin. Liquide Mittel würden zunehmend in risikoreichere Anlagen fliessen. "Wir erwarten demzufolge eine positive Reaktion des Schweizer Aktienmarktes", so die Kommentatoren. Das ist am Donnerstag bereits eingetroffen. Der Swiss Market Index (SMI) hat im Laufe des Tages mehr als 2,5 Prozent zulegen können.

Auswirkungen auf Hypotheken

Erleichtert ob dem Schritt zeit sich der Schweizerische Gewerkschaftsbund in einer Mitteilung. Chefökonom Daniel Lampart schreibt in einem Statement, der Franken sei nach wie vor stark überbewertet. Das habe in Teilen der Industrie in letzter Zeit zum Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen geführt. "Wegen des überbewerteten Frankens sind die monetären Rahmenbedingungen für die Schweiz trotz Negativzinsen weiterhin als restriktiv zu bezeichnen", so Lampart.

Die SNB-Entscheidung dürfte sich auch auf den Schweizer Hypothekarmarkt auswirken. Analog zu den Leitzinsen werden auch die Zinsen für Hypotheken längere Zeit auf Tiefstständen bleiben. MoneyPark-Hypothekarexperte Valentin Rüst geht aufgrund des aktuellen Umfelds auch für 2015 von einem maximal nur leichten Anstieg der Zinsen aus – für Festhypotheken mit Laufzeit 5 Jahre prognostiziert er per 1.11.2015 einen Anstieg um lediglich 0.21 Prozentpunkte. Der aktuelle Durchschnitt liegt bei 1,33 Prozent.