Frankfurt fiebert dem Zuzug Londoner Banker entgegen

Bald entscheiden Grossbritanniens Banken, ob sie aus London wegziehen. Sieben Monate nach dem Brexit-Referendum schlägt für Frankfurt die Stunde der Wahrheit.
18.01.2017 20:00
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Bild: Pixabay

Viele in London angesiedelte Banken wollen Finanzkreisen zufolge in den kommenden Monaten entscheiden, welche Geschäfte sie aus der britischen Hauptstadt verlagern - und die Mainmetropole hat dabei gute Karten. Die meisten Institute hätten wenige Ausweichstandorte in der engeren Auswahl - "und sie stehen kurz vor einer Entscheidung", sagt Londoner Finanzexpertin Charlotte Stalin von der Kanzlei Simmons & Simmons, die Institute bei ihren Brexit-Plänen berät. Sie geht davon aus, dass Frankfurt zu den grössten Profiteuren gehören wird, gefolgt von Dublin und Paris.

Auch deutsche Lobbyisten und Bankenaufseher erwarten nach diversen Treffen mit amerikanischen, asiatischen und britischen Geldhäusern zeitnah Entscheidungen pro Frankfurt. Die Aufsichtsbehörden in Deutschland haben Gespräche mit einer hohen zweistelligen Zahl an Interessenten geführt und bei vielen eine Präferenz für Frankfurt herausgehört, wie ein Insider berichtet. "Die meisten Banken wollen im zweiten Quartal entscheiden, manche schon bis Ende März." Eine Geldhaus habe durchblicken lassen, Tausende Stellen an den Main verlagern zu wollen.

Seit der Grundsatzrede von Premierministerin Theresa May am Dienstag zweifelt in der Finanzbranche niemand mehr daran, dass Grossbritannien ab 2019 nicht mehr Teil des EU-Binnenmarkts sein wird. Banken können dann von London aus keine Produkte mehr in den übrigen 27 EU-Staaten verkaufen. Dafür brauchen sie dann eine Banklizenz in einem anderen EU-Land, beispielsweise in Deutschland. Deren Beantragung dauert nach Einschätzung von Experten mindestens zwölf Monate - viele Banken stehen deshalb jetzt unter Zeitdruck.

Für Geldhäuser, die bereits eine Vollbanklizenz in Deutschland besitzen - dazu zählen unter anderem die US-Institute Goldman Sachs, Morgan Stanley und Citigroup - wäre die Verlagerung von Geschäften nach Frankfurt leichter. Aber auch auf sie könnten zusätzliche regulatorische Anforderungen zukommen, wenn sie ihr Geschäft in Deutschland deutlich ausbauen wollen. Die Investmentbank Goldman Sachs hält Insidern zufolge prophylaktisch an leerstehende Büroflächen im Frankfurter Messeturm fest, um genügend Platz für Zugänge aus London zu haben.

Regulatorisches Rattenrennen

Zu den grössten Vorteilen Frankfurts zählen die stabile deutsche Wirtschaft, die gute Infrastruktur sowie die ebenfalls am Main angesiedelte Europäische Zentralbank. Grosse Bedeutung bei der Entscheidung von Banken wird aus Sicht von Experten vor allem die Frage spielen, wie viel Geschäft die Geldhäuser in EU-Staaten verlegen müssen, um von den dortigen Behörden eine Banklizenz zu erhalten. "Die Ausgangslage ist, dass die meisten Menschen und Firmen nicht umziehen wollen", berichtet Beraterin Stalin. Deshalb werde mit den Behörden hart darum gerungen, wie viel Verlagerungen nötig sind.

Manche Länder wie Spanien werben damit, dass Banken nur einen regulatorischen Brückenkopf bei ihnen ansiedeln müssen und viele Geschäfte weiter von London aus betreiben können. Deutschland ist hier deutlich strenger. "Wir wollen nicht nur einen Briefkasten und eine Vertriebseinheit", betont ein hochrangiger deutscher Bankenaufseher. Auch das Risikomanagement und die Vorstände der deutschen Einheit müssten in der Bundesrepublik angesiedelt sein.

Übertriebene Hoffnungen?

Frankfurt Main Finance, das Sprachrohr des Finanzplatzes, hofft durch den Brexit in den nächsten fünf Jahren auf 10.000 zusätzliche Stellen. Experten wie Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance sind da zurückhaltender. Hellmich geht davon aus, dass Banken wegen der geplanten Deregulierung der US-Finanzmärkte unter dem neuen Präsidenten Donald Trump grosse Teile des Handels nach New York verlegen werden - und nur eine vergleichsweise kleine Einheit in die EU. "Frankfurt wird wegen der Trump'schen Deregulierung vermutlich nicht so stark vom Brexit profitieren wie anfangs erhofft."

Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Bankenverbands, hat aus der Branche ähnliche Stimmen vernommen. "Es kann gut sein, dass New York profitiert - aber auch nicht ausschliesslich." Deutschland werde sich ebenfalls einen Teil des Kuchens sichern. Banken-Professor Hellmich sieht das genauso, warnt aber vor zu viel Euphorie in Frankfurt. "Ich habe Zweifel, ob es in der Stadt unter dem Strich mittelfristig mehr Arbeitsplätze in der Finanzindustrie geben wird, schliesslich streichen heimische Geldhäuser wie die Deutsche Bank und die Commerzbank derzeit Tausende Stellen."

(Reuters)