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Franz hat den Aussenseiter-Bonus

Der Basler Pharmariese Roche bricht mit der jüngeren Vergangenheit und setzt mit Christoph Franz einen Branchenfremden an die Spitze des Verwaltungsrates. Weshalb dies keine schlechte Wahl sein muss.
16.09.2013 14:19
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash
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Bild: cash

Roche geht es ausgezeichnet. Aktionäre meckern nicht an der Aufstellung des Konzerns herum, die Medikamenten-Pipeline ist gut gefüllt, CEO Severin Schwan führt das Unternehmen mit Geschick, der Kurs des Genussscheins erreichte in diesem Jahr ein Allzeithoch.

Und nun das: Christoph Franz gibt seinen Posten als Lufthansa-CEO ab und wird neuer Verwaltungsratspräsident bei Roche. Franz gehört dem Roche-Aufsichtsgremium seit zwei Jahren an. Was selbst Roche-Insider bis Ende der letzten Woche kaum für möglich gehalten hatten, ist seit heute Montag Tatsache.

Überraschend ist die Wahl von Franz nicht deshalb, weil nun ein Branchenfremder ab März des kommenden Jahres an der Grenzacherstrasse in Basel, dem Roche-Sitz, Verwaltungsratspräsident wird. Die Roche-Besitzerfamilien Oeri und Hoffmann hatten mehrere Male gesagt, ein Nachfolger von Franz Humer müsse nicht zwingend ein Pharma-Experte sein.

Überraschend ist die Wahl indes, erstens, weil Christoph Franz ein "Airliner" durch und durch ist. Eine Branche also, die im Gegensatz zur Pharmaindustrie operativ immer ein Bein in den roten Zahlen hat. In der Roche werden bereits süffisant Margen und Wachstumsaussichten der beiden Branchen herumgereicht.

Unerwartet kommt die Wahl von Franz, zweitens, weil der 53-jährige Deutsche in seinem Berufsleben ein Feuerwehrmann geblieben ist und kaum über das Restrukturieren und Sanieren hinauskam. Das war so 1990 bei seiner ersten Stelle bei Lufthansa, das war so in seiner Zeit als Swiss-CEO, das ist heute erenut so bei der Grossbaustelle Lufthansa. Das passt nicht zum langfristigen und innovativen Charakter einer Pharmabranche.

Franz muss auch mit dem"Malus" leben, dass er bloss dritte Wahl war. Wie in den letzten Monaten aus dem Umfeld von Roche verlautete, hätten die Besitzerfamilien lieber Shell-Chef Peter Voser oder Nestlé-CEO Paul Bulcke an der Spitze des Pharma-Multis gesehen. Franz muss sich also von Beginn an beweisen. Der Druck wird hoch sein.

Franz wird seine Stärken einsetzen. Er hat, trotz seiner Klumpen-Vergangenheit in der Airline-Industrie, jahrelange operative Führungserfahrung bei einem kotierten Grossunternehmen. Er ist ein sehr guter Kommunikator, was eminent wichtig ist für eine der Hauptaufgaben eines VR-Präsidenten, nämlich die Kommunikation und die Beziehungspflege zu den Investoren.

Auch in der Öffentlichkeit hat sich Franz in der Schweiz stets gut geschlagen. Ihm wäre es wohl nie in den Sinn gekommen, mitten in einem Fluggebühren-Streit öffentlich mit dem Abzug der Swiss-Geschäften in Zürich-Kloten zu drohen, wie dies sein Swiss-CEO-Nachfolger Harry Hohmeister kürzlich getan hat. Mit Franz an der VR-Spitze wird die bisweilen arrogant und majestätisch daherkommende Roche wohl auch geerdeter.

Der wichtigste Trumpf von Franz ist aber: Er kann als Verwaltungsratspräsident, der die Branche bis vor zwei Jahren kaum kannte, im Gremium unbefangen unbequeme Fragen stellen. Fragen, die unter Brancheninsidern wie Humer und Schwan wohl nie gestellt wurden. Vielleicht sind es auch Themen wie grössere Kostenoptimierung und Restrukturierung. Darin hat Franz Erfahrung.