Französin will Deutscher Bank Regeln beibringen

Neun Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise hat die Deutsche Bank noch immer alle Hände voll zu tun mit Aufräumen.
23.09.2016 20:01
Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Die Wolken der Finanzkrise haben sich noch nicht verzogen.
Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Die Wolken der Finanzkrise haben sich noch nicht verzogen.
Bild: cash

"Das aktuelle Management-Team will keine schnellen, einfachen Lösungen", sagt Regulierungsvorstand Sylvie Matherat der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Freitag veröffentlichten Interview. "Es ist besser, richtig aufzuräumen. Aber das dauert eben und ist nicht ganz einfach", betont die 54-jährige Französin. Dieser Weg sei steinig. Allein bis ihr Bereich komplett aufgebaut sei, werde noch mindestens ein weiteres Jahr ins Land gehen.

Die Herausforderungen sind vielfältig: Wegen Tricksereien auf dem amerikanischen Immobilienmarkt droht Deutschlands grösstem Geldhaus eine Rekordstrafe in den USA - und das ist nur eine von Hunderten Rechtsstreitigkeiten. Zudem muss die Bank ihr zerrüttetes Verhältnis zu den Aufsichtsbehörden reparieren und allen Mitarbeitern einimpfen, dass die Einhaltung von Regeln (Compliance) wichtig ist. "Es ist eine recht neue Entwicklung, dass Regulierungs- und Compliance-Themen direkt bei einem Vorstandsmitglied verankert sind", sagt Matherat. "Die gesamte Branche muss verstehen, dass das zum Paket einfach dazugehört. Es ist kein 'nice to have'. Es ist Teil der Lizenz, Geschäfte zu machen."

Volle Durchschlagskraft

Matherat ist charmant im Auftreten, aber verbindlich im Ton. 2014 wechselte die Mutter von drei erwachsenen Kindern von der französischen Zentralbank, wo sie unter anderem für den Bereich Finanzstabilität verantwortlich war, zur Deutschen Bank. Seit November 2015 sitzt sie im Vorstand - und kann seitdem viel besser durchgreifen, wie sie sagt. "Meine Stimme wird nicht verwässert." Das Ressort wurde eigens für sie zugeschnitten. Matherat weiss, wie die Aufseher ticken - und soll das für die Bank nutzen.

Erworben hat sie dieses Wissen in langen Jahren bei der Bankenaufsicht ihres Heimatlandes. Als grössten persönlichen Erfolg bei ihrem neuen Arbeitgeber bezeichnet Matherat, intern überhaupt erst eine Sensibilität für ihre Themen geschaffen zu haben. "Das Problem ist erkannt." Das schwerste sei aber die Umsetzung in der Bank. "Unseren Händlern sage ich immer: 'Dein Kunde, Deine Verantwortung!'" Krumme Geschäfte müssten schon an der Front verhindert werden. "Später, in der Compliance-Abteilung oder bei den internen Kontrolleuren, ist es viel schwieriger."

Interne Detektive

Das Institut wird nach seinem eingeleiteten Schrumpfkurs künftig noch in etwas mehr als 60 Ländern Geschäfte machen - und muss sich überall an Recht und Gesetz halten. "Meine Regel lautet: nimm die strengsten Regeln unserer wichtigsten Standorte - Frankfurt, New York, London, Singapur, Hongkong - und mache sie zum Massstab für das Geschäft weltweit", erklärt Matherat. Die Zahl der Mitarbeiter, die sich mit Regulierung, Compliance und Geldwäschebekämpfung beschäftigen, ist seit 2014 bereits um die Hälfte auf 2000 gewachsen. Bis Jahresende sollen laut Matherat weitere 200 dazukommen.

"Wir brauchen Mitarbeiter mit einem sehr spezifischen Wissen, Experten. Es ist ein sehr spezieller Markt. Die Gruppe an Kandidaten ist recht klein und teuer." Matherat hat intern sogenannte "Financial Intelligence Units" aufgesetzt. Diese internen Detektive sollen verdächtige Geschäfte aufspüren, indem sie sich ganz speziell Namen und Transaktionen oder bestimmte Muster bei Transaktionen anschauen. "Wir müssen unter Nutzung aller verfügbarer interner und externer Daten in der Lage sein, bestimmte Zusammenhänge zu erkennen." Dazu brauche es allerdings eine gute Datenanalyse und sehr gute IT-Prozesse.

«Unser Portfolio»

In der Vergangenheit gab es diese intensive Überprüfung von Neukunden, Bestandskunden und Mitarbeitern nicht, jedenfalls nicht systematisch. Das führte dazu, dass die Deutsche Bank heute weltweit im Visier von Ermittlungsbehörden steht. Die grösste Bedrohung für das Institut ist der Streit um US-Hypothekengeschäfte. Dafür hat das amerikanische Justizministerium in der vergangenen Woche eine Strafe von 14 Milliarden Dollar aufgerufen, die die Rückstellungen um ein Vielfaches übersteigt. Der Konzern geht jedoch fest davon aus, die Summe in den nun anlaufenden Verhandlungen noch drücken zu können. Die Anwälte von Latham & Watkins sollen Finanzkreisen zufolge das Beste für die Bank herausholen. Matherat wollte sich zum Hypothekenfall nicht weiter äussern.

Die Deutsche Bank hat sich vorgenommen, ihre vier grössten offenen Rechtsstreitigkeiten noch in diesem Jahr aus der Welt zu schaffen. Dazu zählen neben der Hypotheken-Affäre auch Geldwäsche-Vorwürfe in Russland, Verstösse gegen US-Sanktionen bei Iran-Geschäften sowie Ermittlungen wegen der Manipulation von Devisenkursen. Matherat nennt diese Fälle "unser Portfolio". Ob es noch realistisch ist, es in diesem Jahr abzuarbeiten, lässt sie offen. Zu viele Behörden und Gerichte reden am Ende mit und treffen Entscheidungen, denen sich die Bank fügen muss. "Natürlich wären wir froh, wenn wir die grossen Fälle schnell beilegen könnten. Aber das liegt nicht allein in unserer Hand."

(Reuters)