Für Volkswagen kommt die Dieselkrise gerade recht

So paradox es klingt: Die Krise, in der Volkswagen durch den Abgasbetrug steckt, ist auch ein Glücksfall. Und den will CEO Matthias Müller mit seiner strategischen Neuausrichtung nutzen.
18.06.2016 13:12
Matthias Müller, CEO von Volkswagen.
Matthias Müller, CEO von Volkswagen.
Bild: Bloomberg

Dabei sieht er die "Diesel-Affäre", die den Wolfsburger Konzern kräftig durchschüttelt, als Katalysator. Auch Autoexperten und VW-Manager sind sich einig, dass nur so die über Jahrzehnte verkrusteten Strukturen aufgebrochen werden können. Und das ist nötig, damit der weltumspannende Autobauer mit seinen zwölf Marken und 600.000 Mitarbeitern, der in den vergangenen Jahren rasant gewachsen ist, Anschluss an die bei neuen Mobilitätsdiensten davoneilende Konkurrenz bekommen kann. Zu lange hätten sich die Ingenieure in Wolfsburg als der Nabel der Welt verstanden und die Kosten dabei ausser acht gelassen, meinen Analysten.

"Die Krise wirkt wie ein Befreiungsschlag", sagt Arndt Ellinghorst von Evercore ISI. "Jetzt werden Kräfte freigesetzt und die Unternehmenskultur kann sich erneuern. Im Rückblick wird man sagen können, dass VW sich durch die kreative Kraft der Diesel-Zerstörung erneuert hat", ist der Autoanalyst überzeugt.

Neue VW-Strategie soll Steuer rumreissen

Mit seiner am Donnerstag präsentierten "Strategie 2025" will Müller nun in der Krise umsteuern. Er nutzt dafür den Schock, den der Skandal im Wolfsburger Selbstbewusstsein verursacht hat. "Bei Volkswagen haben sich Türen geöffnet", sagte Müller. Die Bereitschaft zum Wandel sei deutlich gewachsen. Unabhängig von der Dieselkrise sei der Veränderungsdruck aber schon vorher gross gewesen.

Müller sprach von einer "berechtigten Kritik an einer gewissen Fixierung auf Grösse" und einer "Portion Selbstgefälligkeit", die sich im Laufe der Jahre eingeschlichen habe. Der Konzern habe gravierende Schwächen in Struktur, Kultur und Effizienz, stellte er fest. Diese Schwächen seien seit dem vergangenen Herbst deutlicher zutage getreten als zuvor.

Das sehen auch andere so: Die Krise zwinge Volkswagen dazu, "sich zu entstauben", sagt der Autoexperte Helmut Becker, der das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München leitet. "Das VW-Management muss nun in alle Winkel schauen, um die Kosten zu senken."

Winterkorn hatte den Konzern mit harter Hand geführt

Einsparungen standen zwar schon unter Müllers Vorgänger Martin Winterkorn ganz oben auf der Prioritätenliste. Der frühere Konzernchef habe jedoch versucht, das Problem durch Wachstum in den Griff zu bekommen, sagt Becker. Je mehr Autos bei gleichbleibender Belegschaft vom Band rollen, desto stärker steigt die Produktivität und die Kosten je Fahrzeug sinken automatisch, lautete die verlockende Logik.

"Man wollte wachsen um jeden Preis, um die Kosten in den Griff zu bekommen", sagt Becker. Das Prinzip ging nicht auf. Tatsächlich verdoppelte sich die Mitarbeiterzahl unter Winterkorn seit 2007 fast auf mehr als 600.000 Beschäftigte, weil VW weltweit immer mehr Werke aus dem Boden stampfte und mit Porsche, MAN und Ducati weitere Marken übernahm.

Winterkorn hatte den Konzern mit harter Hand geführt und selbst kleine technische Details selbst entschieden. Kritiker bemängeln, der autoritäre Führungsstil habe mit dafür gesorgt, dass Missstände nicht offen ausgesprochen wurden. Das soll mit dafür gesorgt haben, dass die Abgasmanipulation überhaupt möglich wurde, die Volkswagen in die tiefste Krise seiner Geschichte gestürzt hat. Müller will das ändern. Nicht mehr die Zentrale in Wolfsburg soll in allem das Sagen haben. Stattdessen sollen die einzelnen Marken und Regionen mehr Befugnisse erhalten.

Dieselgate kostete VW 16,2 Milliarden Euro

Volkswagen ist aus zwei Gründen zu massiven Kürzungen gezwungen. Einerseits benötigt der Konzern viel Geld für die Aufarbeitung des Dieselskandals. Allein für die Umrüstung der manipulierten Dieselfahrzeuge, für Bussgelder und Schadenersatz musste Volkswagen 16,2 Milliarden Euro zur Seite legen. Gleichzeitig verschlingt der von Müller angekündigte Wandel zu einem Mobilitätsdienstleister in den nächsten Jahren mehr als zehn Milliarden Euro.

Das dafür nötige Geld will Volkswagen durch Einsparungen, eine geringere Modellvielfalt und den Verkauf von Randaktivitäten aufbringen. Alleine acht Milliarden Euro will das Management jährlich durch die Straffung der Abläufe und Kostensenkungen lockermachen. Eine Herkulesaufgabe.

Konzern-Chef Müller wirkt dabei wie ein Jongleur, der zwei Sätze an Bällen gleichzeitig in der Luft halten muss: die Aufarbeitung des Dieselskandals, dessen Ende noch nicht absehbar ist, und den Aufbruch ins digitale Zeitalter, in dem Elektrofahrzeuge und Dienste wie Carsharing und selbstfahrende Taxis mit im Mittelpunkt stehen sollen. Es bleibt abzuwarten, ob es Müller gelingt, keinen der Bälle fallen zu lassen. 

(Reuters)