Gangnam wird zum Tech-Valley

Der hippe Stadtteil Gangnam in Südkoreas Hauptstadt Seoul entwickelt sich zu einem internationalen Zentrum von Tech-Start-ups. Auch Google hat den Trend erkannt und sich jüngst dort angesiedelt.
25.10.2015 12:40
Von Daniel Hügli, Seoul
Mitarbeiterin und junge Besucherinnen im Start-Up-Hub "Tips-Town" in Gangnam, Seoul.
Mitarbeiterin und junge Besucherinnen im Start-Up-Hub "Tips-Town" in Gangnam, Seoul.
Bild: cash

"Ich muss an dieser Stelle den Song 'Gangnam Style' nicht erwähnen. Es kennen ihn ja alle", sagt Start-Up-Spezialist Yoon Seimyung lächelnd vor ausländischen Journalisten in Seoul. Doch der bekannte Popsong der Sängers Psy ist nicht das Thema an diesem Morgen. Es geht um Jungunternehmen, Technologie und deren staatlicher Förderung am trendigsten Ort der südkoreanischen Metropole – in Gangnam.

Denn Gangnam, das sind nicht bloss gestylte Hochhäuser, teure Shopping-Meilen und Unis oder Heimat von Koreas begehrtesten Schönheitskliniken. Der Stadtteil entwickelt sich drei Jahren zum Zentrum für App-Entwickler, Ingenieure und Venture-Kapitalgeber. Die daraus entstandene Start-up-Szene hat das Zeug, zur ernsthaften Konkurrenz zum Silicon Valley und zu Londons Tech Valley aufzusteigen.

Innerhalb weniger Kilometer haben sich in Gangnam unterschiedlichste Zentren für Jungunternehmen angesiedelt. Gleich bei der U-Bahnstation Gangnam hat der koreanische Internetriese Naver (Suchmaschine, Spieleportal) seine "Naver D2 Startup Factory" aufgestellt. Unweit davon befinden sich die Startup-Förderer Actnerlab und DCamp, eine Bankstiftung für Jungunternehmer.

Google siedelt sich an

Auch Google hat den neuen Gangnam-Trend erkannt. Im Mai eröffnete der Technologie-Gigant seinen ersten Asien-Campus. Nach ähnlichen Einrichtungen in London und Tel Aviv ist dies erst der dritte seiner Art in der Google-Welt. Auf rund 2000 Quadratmetern vermietet Google Raum für Jungunternehmen und Kapitalgeber. 

"Startups blühen hier und es gibt in Seoul ein unglaubliches Innovationswachstum", liess die Leiterin für Google für Unternehmertum, Mary Grove, im Mai verlauten. Das Interesse Googles an asiatischen Start-ups kommt auch nicht von ungefähr. Aufsehen erregte zum Beispiel die Übernahme der japanischen Firma Schaft, einem Start-up für Humanoidroboter, im Jahr 2013.

Doch warum gerade Gangnam als blühendes Zentrum für Start-Ups? "Es ist sicher einmal die Nähe zu den Universitäten und auch zum koreanischen Ministerium für Wissenschaften und Technologie", erklärt Yoon Seimyung, Vertreter der staatlichen Förderorganisation für koreanische Jungunternehmen SMBA. "Und klar ist auch, dass Gangnam derzeit die populärste Gegend der Stadt ist. Das zieht talentierte junge Leute an."

Der Staat greift tief in die Taschen

Unterstützung kommt vor allem vom Staat: Südkorea, vor 60 Jahren noch eines der ärmsten Länder der Welt und heute die achtgrösste Handelsnation der Welt, fördert die heimische Wirtschaft traditionell stark. Auch das Jungunternehmertum lässt sich Südkorea einiges kosten. Rund 400 Millionen Dollar sollen in diesem Jahr aus den Staatskassen in die Start-Up-Szene fliessen.

Förderlich für die High-Tech-Industrie nicht bloss in Gangnam, sondern für ganz Südkorea ist die Durchdringung des Internet im ganzen Land. Vor allem beim mobilen Internet steht Südkorea weltweit zuoberst: Über 70 Prozent der Bewohner benutzen mit ihren Smartphones bereits die 4G-Technologie, in der Schweiz beträgt dieser Anteil noch keine 40 Prozent. Und für Netzbetreiber wie Nokia ist Südkorea Testland Nummer eins für die Einführung des 5G-Standards in der Mobiltelefonie, der spätestens 2020 flächendeckend eingeführt werden soll.

Smartphones im Stresstest für die 5G-Technologie bei Nokia in Seoul.

Auch Samsung, Südkoreas mächtigstes Konglomerat mit über 80 Firmen, hat seinen Sitz in Gangnam. Die Nähe zu den Jungunternehmen ist für den Technologieriesen aber nicht immer ein Vorteil. Für viele junge Koreanerinnen und Koreaner steht eine Karriere bei einer der grossen Firmen im Land nicht mehr zuoberst auf der Prioritätenliste. "Es ist ein Trend, dass grosse koreanische Firmen Leute an Start-ups verlieren", sagt Yoon Seimyung. Und diese Leute sind meist hochgebildet und weltoffen. Sie haben das Ausland durch Reisen, Arbeit und Studium an Universitäten kennengelernt.

So arbeiten etwa 35 ehemalige und gut ausgebildete Samsung-Angestellte im Herzstück des Start-up-Valley Gangnam, der so genannten Tips-Town. Das ist ein staatliches Programm zur Förderung von koreanischen Jungunternehmen. Tips steht für "Tech Incubator Program for Start-ups". Auch private Unternehmen können sich hier mit Risikokapital an der Finanzierung der Jungunternehmen beteiligen.

Die Tips-Town in Gangnam besteht bislang aus fünf Gebäuden. Weitere Anwesen sollen laufend dazugemietet werden. Im Hauptgebäude von Tips-Town haben sich ein paar Dutzend Start-Ups angesiedelt, die sich hier fast kostenlos einmieten können. Die Atmosphäre auf den Stöcken ist ruhig, die jungen Leute arbeiten konzentriert. Sie tragen Kapuzenpullis, Business-Anzüge ruhen im Kleidergestell beim Schreibtisch. Gleich daneben steht ein Velo.

Blick in die Tips-Town in Gangnam, Seoul.

Eines der Unternehmen im Tips-Town heisst Hodulabs. Das Unternehmen hat einen Prototypen-Headset mit Kamera und Sensoren entwickelt, der die Augenbewegungen und Hirnaktivitäten des Trägers misst. Die Angestellten hatten früher Berufe bei einem Beratungsunternehmen, bei einer Private-Equity-Firma oder sind Uni-Abgänger. Ein nicht untypischer Mix für koreanische Start-ups in Tips-Town.

Inzwischen haben in Tips-Town mehr als 100 Jungfirmen Unterschlupf gefunden, einige sind wieder verschwunden. Auch das gehört zum Selektionsprozess. Sie wurden und werden vom Staat mit über 50 Millionen Dollar bezuschusst.

Auch einige Investoren aus Japan und dem Sillicon Valley sind bei den Tips-Town-Unternehmen schon eingestiegen. Der weitere Weg von erfolgversprechenden Unternehmen ist vielfältig. Sie bringen ihre Produkte zur Marktreife, wachsen und schaffen Arbeitsplätze. Sie gehen Joint-Ventures ein oder wagen den Sprung an die Börse. Oder sie werden von einer grossen Firma aufgekauft - mit dem entsprechenden Geldregen für die Jungunternehmer und ihre Investoren.

Der Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der Kotra (staatliche Förderungstelle für Investitionen in Korea) eingeladen hatte.

Mitarbeiter von Hodulabs in "Tips-Town".