Geht die Banken-Entlassungswelle an der Wall Street zu Ende?

Die Wall-Street-Banken entlassen so wenig Mitarbeiter wie schon lange nicht mehr. Die Wahl von Donald Trump lässt aber keinen klaren Schluss zu, wie sich die Situation weiterentwicklen wird.
20.11.2016 00:10
Die Wall Street in New York mit der Börse und Bankentürmen.
Die Wall Street in New York mit der Börse und Bankentürmen.
Bild: Bloomberg

Es ist der Anfang vom Ende der grossen Stellenstreichungen bei US-Banken. Das zumindest beobachtet Challenger, Gray & Christmas, eine Firma, die viele Finanzkonzerne beim Abbau von Arbeitsplätzen berät. Die Entlassungen in der gesamten US-Finanzbranche sind in diesem Jahr bis Oktober auf rund 1940 pro Monat gefallen – was das geringste Tempo seit mehr als einem Jahrzehnt ist, berichtet John Challenger, Chef der Firma aus Chicago. Banken und andere Unternehmen hätten ihren Umbau im Nachgang der Finanzkrise abgeschlossen.

Und bei all dem handelt es sich um Entwicklungen, bevor Donald Trump überraschend die Wahlen zur US-Präsidentschaft gewinnen konnte. Das wiederum hatte die Aktien der grössten Banken des Landes rasant ansteigen lassen. Dahinter standen Spekulationen, dass Trump die Regulierung zurückfahren und die langfristigen Zinsen mit inflationären Ausgaben antreiben werde. Die Rally der Aktien könnte den lange verspürten Druck, die Kosten zu senken, aufweichen.

Verluste, dann Profitabilität trieben Entlassungen

"Wir werden noch immer Entlassungen sehen. Doch dabei handelt es sich nicht um jene drastischen Einschnitte aus der Zeit, als sie gezwungen waren, ihre Geschäftsprämissen- und modelle zu ändern", sagt Challenger in einem Interview mit Bloomberg. Banken haben "dieselbe Art von Aderlass" nicht mehr nötig.

Verluste in der Krisenzeit hatten die Finanzdienstleister zu Stellenstreichungen veranlasst, um zu überleben. Später bauten die Banken erneut Jobs ab, um ihre Profitabilität zu erhalten - angesichts steigender Rechtskosten, strengerer Anforderungen beim Kapital und vorgeschriebener Einschnitte beim Eingehen der Risiken. Eine ausgedehnte Phase niedriger Zinsen, mit denen die Konjunktur angetrieben werden sollte, untergrub die Erlöse aus Krediten und anderen Geschäftsbereichen der Wall Street.

Zusammengenommen haben Finanzdienstleister seit 2005 mehr als 800'000 Mitarbeiter entlassen, wie aus Daten von Challenger hervorgeht. Dem Berater zufolge wird es weiter Einschnitte geben in Sparten, die sich unterdurchschnittlich entwickeln, und in Bereichen, in denen Technologie den Bedarf an Menschen senkt.

Auch Einstellungen gibt es weniger

In einem Bereich, in dem es zuletzt einen Einstellungs-Boom gegeben hatte, könnte die Schaffung neuer Jobs derweil zu einem Ende kommen – Compliance-Abteilungen. Nach dem Sieg von Trump signalisierte dessen Übergangs-Team, dass wesentliche Teile der Finanzmarktreform Dodd-Frank Act nach Möglichkeit zurückgefahren werden sollen. Diese Vorschriften und eine strengere Durchsetzung hatten die Banken ursprünglich dazu getrieben, Armeen von internen Beobachtern aufzubauen.

Trumps Entscheidungen "könnten sehr gut dazu führen, dass Banken ihre Einstellungen in diesem Gebiet drosseln", sagt Challenger. "Das ist eine Veränderung, die sich aus den Wahlen ergibt, die so nicht erwartet worden war." Die grössten US-Banken können gute Nachrichten sehr wohl gebrauchen. Der Nettogewinn bei den sechs grössten Unternehmen - J.P. Morgan Chase, Bank of America, Wells Fargo, Citigroup, Goldman Sachs Group sowie Morgan Stanley – war in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres zusammengenommen um rund sechs Prozent eingebrochen.

Ein Lichtblick in den vergangenen Monaten war der Festverzinslichen-Verkauf und –Handel – jenes Geschäft rund um Anleihen, Devisen und Rohstoffen, welches vor der Finanzkrise riesige Gewinne eingebracht hatte. Das trug wahrscheinlich zu einem Jahresendbonus-Erhalt für viele der bestbezahlten Banker bei oder schützte zumindest vor weiteren Entlassungen.

(Bloomberg)