Geldanlage - Die Rückkehr der strukturierten Produkte

Anlagenotstand der Anleger - und Banken, die wegen des Tiefzinsumfeldes neue Geschäftsfelder suchen müssen: Die strukturierten Produkte erleben ein Comeback. Ob die neuen Player im Markt Erfolg haben, ist ungewiss.
31.03.2017 06:53
Von Ivo Ruch und Daniel Hügli
Strukturierte Produkte erleben ihren zweiten Frühling.
Strukturierte Produkte erleben ihren zweiten Frühling.
Bild: pixabay.com

Die Bank Vontobel lanciert als erster Anbieter weltweit eine iPhone-App für strukturierte Produkte. Die Bank, nebst UBS und Credit Suisse einer der drei führenden Marktanbieter in diesem Bereich, ermöglicht Privatanlegern per Smartphone so die Auswahl und sofortige Emission von strukturierten Produkten. Die "Vontobel Investment Scout" App sei ein "revolutionärer Schritt für strukturierte Produkte", wie Roger Studer, Leiter des Vontobel Investment Banking, im cash-Video-Interview erklärt (siehe weiter unten).

Die Vontobel-App ist bloss die letzte von vielen Meldungen bezüglich strukturierter Produkte in der Schweiz. Die Anlageklasse ist wieder im Kommen, nachdem die Nachfrage während der Finanzkrise arg abgesackt war und an den Produkten ein schlechter Ruf haften blieb. "Wir verspüren eine gesunde Nachfrage nach stukturierten Produkten, nicht nur in der Schweiz, auch weltweit", sagt Studer.

Laut Zahlen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) lagen per Ende Januar bei Schweizer Banken strukturierte Produkte im Volumen von 187 Milliarden Franken in den Kundendepots. Vor einem Jahr waren es noch 164 Milliarden. Was die Zahlen der SNB aber auch zeigen: Im September 2007, während Ausbruch der Finanzkrise, standen die Volumen bei 361 Milliarden, wie der folgende Chart zeigt.

Neu springen auch Banken, die man bislang nicht mit strukturierten Produkten in Verbindung brachte, auf den Zug auf: Die Raiffeisen-Gruppe setzt seit einiger Zeit auf diese Anlageklasse. Erstmals bot kürzlich auch die Postfinance ein solches Papier an. Schon Anfang Monat gab die Luzerner Kantonalbank (LUKB) bekannt, dass die ein Kompetenzzentrum für strukturierte Produkte aufbauen wird.

Banken und einige Branchenbeobachter begründen dies mit der steigenden Nachfrage der Kunden. So Dominik Erny, Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen ZUG (IFZ): "Mit der Förderung von strukturierten Produkten decken die Banken ein Kundenbedürfnis ab. Denn das aktuelle Anlageumfeld macht strukturierte Produkte attraktiver." Nach jahrelangem Boom sind viele Aktienmärkte mittlerweile hoch bewertet und Obligationen bergen in Erwartung steigender Zinsen ein grosses Zinsänderungsrisiko.

Die tiefen Zinsen als Antrieb

Das ist aber bloss die halbe Wahrheit. Die Schweizer Retailbanken – wie Raiffeisen, LUKB oder Postfinance – leiden besonders unter dem Tiefzinsumfeld. Sie müssen daher etwas unternehmen, um ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft zu verringern.

Das schrieb die LUKB in einer Medienmitteilung, und das bestätigte auch Bankenprofessor Manuel Ammann von der Hochschule St.Gallen gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Eco von SRF. Für Banken seien strukturierte Produkte ein lukratives Geschäft, weil die Marge höher sei als wenn der Kunde das Geld einfach auf dem Konto lasse, so Ammann. "Deshalb haben Banken ein Interesse, dass Kunden solche Produkte kaufen."

Diese Struki-Offensive fällt in eine Zeit, da auch negative Schlagzeilen die Branche umtreiben. Leonteq, einer der grössten Produktanbieter, enttäuschte jüngst die Markterwartungen mehrfach und musste einen massiven Gewinneinbruch hinnehmen: Die Aktie fiel von ihrem Höhepunkt bei 233 Franken (im August 2015) bis unter 30 Franken (im Februar 2017).

Der Struki-Markt ist bereits aufgeteilt

Geht die Rechnung für Retailbanken auf? Bei der Postfinance gibt man sich zuversichtlich. "Es ist das Bedürfnis eines kleinen Anteils unserer Kundschaft, aber bei denen ist die Nachfrage sehr gross", sagte Daniel Mewes, Leiter Investment Solutions, im Eco-Beitrag.

Für Karsten Döhnert, Dozent an der Hochschule Luzern, ist der Schweizer Struki-Markt allerdings schon grösstenteils unter den etablierten Playern aufgeteilt: "Das macht es für Neulinge schwierig." Hinzu kommt, dass grosse, systemrelevante Banken, aber auch Institute mit Staatsgarantie, einen Vorteil haben. Denn die Bonität des Herausgebers ist bei strukturierten Produkten entscheidend. Weil bei Strukis ein Gegenparteirisiko besteht, kann die Insolvenz des Emittenten zum Totalverlust für Anleger werden. Banken mit (impliziter) Staatsgarantie sind ihrer Konkurrenz also einen Schritt voraus.

Mitentscheidend für den Erfolg neuer Anbieter dürfte auch die Weiterentwicklung des Anlageumfelds sein. "Sollten sich die Börsenbewertungen oder auch die Zinsen markant ändern, beeinflusst das auch die Attraktivität der strukturierten Produkte", so Karsten Döhnert. Neue Player im Markt für strukturierte Produkte dürften dann ihr Geschäft auf tieferem Niveau fortführen - falls sie es überhaupt auf die gewünschte Grösse gebracht haben.