GeldpolitikEZB gibt keine Hinweise auf Ende der Geldflut

Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht keinen Grund für Eile bei einem möglichen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik.
20.07.2017 16:35
Die EZB (im Bild der Sitz in Frankfurt) hält sich die Option von einer Ausweitung der Anleihenkäufe offen.
Die EZB (im Bild der Sitz in Frankfurt) hält sich die Option von einer Ausweitung der Anleihenkäufe offen.
Bild: Pixabay

Am Donnerstag entschieden die Währungshüter, die Leitzinsen und das milliardenschwere Wertpapierkaufprogramm unverändert beizubehalten. Entgegen den Erwartungen vieler Experten hielten sie sich ausserdem weiterhin die Möglichkeit offen, bei Bedarf ihre Geldflut auszuweiten.

Zwar habe die wirtschaftliche Erholung zuletzt an Breite gewonnen, sagte EZB-Präsident Mario Draghi bei einer Pressekonferenz in Frankfurt. Doch dies schlage sich noch nicht in der Preisentwicklung nieder. Eine substanzielles Mass an geldpolitischer Unterstützung sei weiterhin nötig.

Draghi optimistisch zu Wachstum und Arbeitsmarkt

Der Leitzins im Euro-Raum bleibt auf dem Rekordtief von 0 Prozent. Parken Geschäftsbanken Geld bei der Notenbank, kostet sie das weiterhin 0,4 Prozent "Strafzinsen". Zudem steckt die EZB noch bis mindestens Ende Dezember 2017 Monat für Monat 60 Milliarden Euro in den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen.

Positiv äusserte sich Draghi zum Wirtschaftswachstum und zum Arbeitsmarkt im Euro-Raum. Die Beschäftigungsentwicklung stütze den privaten Konsum und Frühindikatoren wiesen auf eine weiter robuste wirtschaftliche Entwicklung hin. Ungeachtet dessen forderte Draghi erneut die Politik zu verstärkten Anstrengungen bei Strukturreformen auf.

Inflation bleibt schwach

Ein Wermutstropfen ist weiterhin die schwache Teuerung. Bei der Kerninflation, die schwankungsanfällige Preise für Energie sowie Lebens- und Genussmittel ausklammert, sei noch kein Aufwärtstrend zu erkennen, sagte Draghi. Der Inflationsdruck bleibe verhalten und die Teuerungsrate dürfte in den kommenden Monaten weiter auf dem derzeitigen Niveau verbleiben.

Eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen in der Euro-Wirtschaft sei "das Letzte", was die EZB wolle, sagte Draghi. Das Wertpapierkaufprogramm werde noch so lange weiter laufen, bis es eine substanzielle Inflationsbelebung gebe. Im EZB-Rat sei man sich bei der Zinssitzung darin einig gewesen, keine Angaben zu einem Zeitpunkt einer möglichen Änderung bei den Wertpapierkäufen zu machen. Bei der kommenden Sitzung im September werde man neue Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung vorlegen, sagte Draghi. Dann werde man die Lage neu bewerten können.

Erhöhung des QE-Volumens weiterhin nicht ausgeschlossen

Die Währungshüter ziehen weiterhin eine mögliche Erhöhung des Volumens bei ihren Wertpapierkäufen in Betracht. Ein entsprechender, bislang mehrfach wiederholter Passus findet sich in der Stellungnahme zur Zinsentscheidung am Donnerstag erneut. Einige Experten und Anleger hatten erwartet, dass die EZB diesen Passus ändern würde. Weiterhin heisst es in der EZB-Stellungnahme, man sei - falls nötig - "bereit, das Programm im Hinblick auf Umfang und/oder Dauer auszuweiten."

Viele Experten hatten mit einer Änderung der Wortwahl gerechnet, was als Hinweis auf eine baldige Abkehr der EZB von ihrer lockeren Geldpolitik durch eine allmähliche Reduzierung der Wertpapierkäufe gewertet worden wäre. Anfang Juni hatte die EZB erste vorsichtige Hinweise gegeben: Die Wachstumsrisiken für den Euroraum seien "weitgehend ausgeglichen" statt "abwärtsgerichtet", hatte Draghi vor sechs Wochen gesagt. Zudem hatte die EZB die Passage zu möglichen weiteren Zinssenkungen gestrichen.

Unterschiedliche Reaktionen an Finanzmärkten

Mit viel billigem Geld versucht die EZB seit Jahren, der Konjunktur auf die Sprünge zu helfen und zugleich die Teuerung anzuheizen. Angestrebt wird Preisstabilität bei einer Teuerungsrate von knapp unter 2 Prozent - weit genug entfernt von der Nullmarke. Denn dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise könnten Unternehmen und Konsumenten dazu bringen, Ausgaben aufzuschieben - das würde die Konjunktur abwürgen.

Die Reaktionen an den Finanzmärkten auf die geldpolitischen Beschlüsse und auf Draghis Äusserungen fielen unterschiedlich aus. An den Anleihemärkten der meisten Euro-Länder gaben die Renditen nach, was tendenziell für die Erwartung einer lockeren Geldpolitik spricht. Der Eurokurs legte dagegen zu, was einige Beobachter auf Draghis positive Äusserungen zur Wirtschaft zurückführten. An den europäischen Aktienbörsen fanden die Kurse keine klare Richtung.

(AWP)