GeldpolitikEZB vor nächstem Mini-Schritt Richtung Kurswechsel

Die Euro-Wächter könnten bei ihrem Zinstreffen am Donnerstag in Frankfurt den zuletzt stets bekräftigten Hinweis kippen, die billionenschweren Anleihenkäufe nötigenfalls noch einmal auszuweiten.
19.07.2017 19:20
Ökonomen und Aktienexperten sind gespannt, ob EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag etwas nicht sagt: dass die EZB nötigenfalls die Anleihenkäufe noch einmal ausweiten könnte.
Ökonomen und Aktienexperten sind gespannt, ob EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag etwas nicht sagt: dass die EZB nötigenfalls die Anleihenkäufe noch einmal ausweiten könnte.
Bild: Bloomberg

Der EZB-Rat um Notenbankchef Mario Draghi würde damit den Finanzmärkten ein weiteres Signal senden, sich langsam auf eine Eindämmung der Geldflut vorzubereiten. An den Leitzinsen, die bereits seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegen, wird die EZB aber wohl nicht rütteln.

Commerzbank-Ökonom Michael Schubert erwartet, dass die EZB zumindest die Option streicht, das monatliche Volumen ihrer Anleihenkäufe bei Bedarf erneut aufzustocken. "Denn dies erscheint angesichts der sehr robusten Konjunktur als sehr unwahrscheinlich." Sein Argument: Sollte sich der EZB-Rat gar nicht bewegen, droht Draghi später eine umso schärfere kommunikative Wende. Kursturbulenzen an den Finanzmärkten könnten die Folge sein.

Aktuell erwerben die EZB und die nationalen Notenbanken Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Volumen von monatlich 60 Milliarden Euro. Das Kaufprogramm ist momentan die stärkste Waffe der Währungshüter zur Ankurbelung der Konjunktur und für mehr Preisauftrieb. Die vor allem in Deutschland umstrittenen Transaktionen sollen noch bis mindestens Ende 2017 fortgesetzt werden und dann ein Volumen von 2,28 Billionen Euro erreichen.

"Das Drehbuch für einen behutsamen Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik liegt bereits in der Schublade", sagt Ökonom Ulf Krauss von der Landesbank Helaba. Er rechnet mit einer grösseren Entscheidung aber erst im September oder Oktober. Dann werde die EZB wohl die Weiche für eine Verlangsamung ihrer Anleihenkäufe im Jahr 2018 stellen. Wie Reuters unlängst von Insidern erfuhr, will sich die EZB bei einem eventuellen Abschmelzen grösstmögliche Flexibilität bewahren. Als Blaupause könnte das Vorgehen der US-Notenbank Fed dienen, als diese begann, sich langsam von ihrer jahrelangen Krisenpolitik zu verabschieden. Die Fed hatte ihre Anleihenkäufe ab Anfang 2014 schrittweise reduziert. Bis Ende Oktober 2014 wurden sie auf null heruntergefahren.

Umstrittene Anleihenkäufe dürften 2018 langsam auslaufen

"Wir glauben, dass die EZB eine definitive Vorausankündigung zur Zeitspanne des Tapering vermeiden wird", sagt Reinhard Cluse von der UBS. Die Prognose seines Hauses sieht vor, dass die Euro-Wächter ab Januar 2018 nur noch Wertpapiere im Umfang von 40 Milliarden Euro pro Monat erwerben. Danach würde es schrittweise weiter nach unten gehen. Cluse veranschlagt sechs bis neun Monate bis zur Nulllinie.

Doch so weit sind die Hüter des Euro noch nicht. "Für die anstehende Zinssitzung erwarten wir keine konkreten Schritte zur Verminderung des geldpolitischen Stimulus", schätzt Christian Reicherter von der DZ Bank. Draghi werde den Donnerstag dazu nutzen, Marktakteure auf eine leichte Verringerung der geldpolitischen Hilfe vorzubereiten. "Zugleich dürfte er aber auch hervorheben, dass trotz einer solchen Anpassung die Geldpolitik weiterhin als äusserst expansiv einzustufen ist."

Dass dies eine Gratwanderung ist, musste Draghi unlängst erfahren. Nach einer Rede von ihm in Portugal, auf der er andeutete, die Geldpolitik könnte künftig etwas weniger expansiv werden, war der Euro kräftig gestiegen. Auch die Renditen europäischer Anleihen schossen nach oben. Dies jedoch will der EZB-Chef tunlichst vermeiden. Denn mit einem Renditesprung könnten die Finanzprobleme schuldengeplagter südeuropäischer Länder wieder in den Vordergrund rücken. Und mit einem härteren Euro wäre das Inflationsziel der EZB von knapp unter 2 Prozent womöglich schwerer zu ereichen. Denn damit werden Importe - etwa von Öl und anderen Rohstoffen - billiger. Der Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik könnte dann ungleich schwieriger werden.

(Reuters)