Geldpolitik USA - Was der Fed-Bilanzabbau für die Finanzmärkte bedeutet

Noch in diesem Jahr will die amerikanische Notenbank ihre aufgeblähte Bilanz zurückfahren. Ein Unterfangen, welches für Turbulenzen an den Aktienmärkten sorgen könnte. Ein Ausblick.
28.06.2017 06:45
Von Ivo Ruch und Pascal Züger
Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank, steht mit dem Bilanzabbau eine heikle Aufgabe bevor.
Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank, steht mit dem Bilanzabbau eine heikle Aufgabe bevor.
Bild: Bloomberg

Trader erinnern sich noch ungut daran: Im Mai 2013, als erstmals von "Tapering" die Rede war, reagierten die Finanzmärkte heftig: Anleihenrenditen sprangen in die Höhe, die Aktienmärkte sackten ab. Mit dem Tapering deutete die US-Notenbank damals die Reduktion der umfangreichen Anleihenkäufe an, welche die Börsen jahrelang steigen liessen. Nun steht die Fed erneut vor einem wichtigen Schritt. Der Abbau ihrer Bilanz, welche durch die Anleihenkäufe massiv vergrössert worden war.

Der Hintergrund: Als Folge der Finanzkrise 2007/08 sahen sich die Notenbanken gezwungen, unkonventionelle Massnahmen einzusetzen, um einen Rückgang des Wirtschaftswachstums und eine Deflation zu verhindern. Dies deshalb, weil traditionelle Instrumente der Geldpolitik ausgeschöpft waren. Die Leitzinsen waren bereits bei oder nahe Null.

Führend in diesem Bereich war die Fed, die ab 2009 mit zahlreichen Quantitative-Easing-Programmen die Finanzmärkte mit Geld versorgte. Die Fed kaufte im Markt Staatspapiere und sogenannte hypothekenbesicherte Anleihen in massivem Ausmass. Dadurch floss Geld in die Finanzmärkte - aber gleichzeitig blähten diese Käufe die Bilanz der Fed von knapp 800 Milliarden Dollar auf mittlerweile fast 4,5 Billionen Dollar auf.

Andere Zentralbanken folgten dem Vorbild der Fed und haben inzwischen ebenfalls eine massiv grössere Bilanz:

Bilanzen der Zentralbanken, in Milliarden Dollar

Quellen: FactSet, T.RowePrice (Stand 30.04.17)

Technisch gesehen kann eine Notenbank ihre Bilanz zwar beliebig ausweiten, doch ist ein solcher Zustand auf lange Frist nicht wünschenswert. Befürchtet wird eine anhaltende Verzerrung der Finanzmärkte und ein Vertrauensverlust bei der Bevölkerung in die Zentralbanken. 

Der Abbau ist beschlossene Sache

Wie die Fed den Abbau bewerkstelligen will, hat sie im Rahmen der letzten Sitzung von Mitte Juni überraschend genau skizziert: Reinvestitionen in Wertpapiere sollen zurückgefahren werden. Dabei wird die Bilanz-Reduktion im ersten Jahr ab Programmstart graduell von 10 auf 50 Milliarden Dollar pro Monat ausgeweitet, danach fährt die Fed auf unbestimmte Zeit mit diesen 50 Milliarden Dollar pro Monat fort. Hält sie diesen Plan ein, beträgt die jährliche Bilanzreduktion der US-Notenbank 600 Milliarden Dollar.

Die US-Notenbank will schon in diesem Jahr diesen vorgestellten Plan umsetzen. Sofern nichts mehr in die Quere kommt: "Einzig ein Überschiessen der Inflation oder das Überhitzen der US-Konjunktur könnte die Fed von ihrem jetzigen Plan noch abbringen", sagt Thomas Heller, Anlagechef der Schwyzer Kantonalbank, auf Anfrage von cash. Von Seiten der amerikanischen Politik könne ein zusätzlicher Finanzierungsbedarf für ein gross angelegtes Infrastrukturprogramm das Vorgehen der Fed tangieren.

Ein solch massiver Liquiditätsentzug hat es in der Vergangenheit noch nie gegeben, deshalb sind auch die Auswirkungen auf die Finanzmärkte ungewiss. "Wir rechnen damit, dass bei einer beginnenden Bilanzsummenreduktion langlaufende US-Renditen zulegen werden", so Tom Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Als Folge würde der US-Dollar mit neuerlicher Stärke reagieren - und auch gegenüber dem Franken wieder zulegen können.

Die Neue Helvetische Bank schreibt in einem Kommentar, dass die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries durch den Bilanzabbau von aktuell 2,1 Prozent wieder auf 3,5 Prozent ansteigen könnte.

Droht ein Börsencrash?

Ob gar Verwerfungen an den Aktienmärkten eintreten werden, ist heute kaum voraussehbar. Möglich sind sie allemal: "Die Aktienmärkte haben sich in den letzten Jahren an viel Zentralbankengeld gewöhnt. Somit ist es natürlich nicht auszuschliessen, dass der Fed-Bilanzabbau da und dort zu Nervosität führen kann", so Santosh Brivio, Anlagestratege bei Raiffeisen Schweiz.

Derzeit ist davon jedoch nichts zu spüren. Bei der Ankündigung des Bilanzabbaus am 14. Juni - wo gleichzeitig auch der erwartete nächste Zinsschritt auf die Spanne zwischen 1 und 1,25 Prozent bekanntgegeben wurde - hatte der Markt kaum reagiert: Der Dollar, die Renditen zehnjähriger US-Staatspapiere und auch der US-Aktienindex Dow Jones verzeichneten keine auffälligen Ausschläge.

Die Gelassenheit der Märkte könnte mit der Kommunikationspolitik der US-Notenbank zu tun haben: Gemäss Brivio unternimmt die Fed-Spitze viel, um die Finanzmärkte nicht zu beunruhigen. Überraschende Schritte bleiben aus, alle beabsichtigten Aktionen werden transparent und lange im Voraus kommuniziert.

Der Start in diese schwierige Aktion ist der US-Notenbank also geglückt. Unklar bleibt, ob auch der tatsächliche Liquiditätsentzug so schmerzfrei über die Bühne gehen wird. Vor allem dann, wenn es Rückschläge in der US-Konjunktur geben sollte. Deutliche Kursexplosionen an den Aktienmärkten dürften aber vorerst vorbei sein.