Geldpolitik - Wartet die EZB mit dem Zinsschritt zu lange?

Ein Jahrzehnt nach dem die Europäische Zentralbank die Zinsen auf dem Scheitelpunkt der globalen Finanzkrise angehoben hat, glauben einige, dass sie jetzt mit einer Straffung der Geldpolitik zu lange wartet.
03.07.2018 14:43
EZB-Chef Mario Draghi.
EZB-Chef Mario Draghi.
Bild: Bloomberg

Am 3. Juli 2008 hatte die EZB die Fremdkapitalkosten verteuert, um die Inflation einzudämmen, die mehr als doppelt so hoch war wie ihr Ziel. Im Oktober machte sie dann eine Kehrtwende, als die Preissteigerungsrate absackte und das Wirtschaftswachstum in der schlimmsten Konjunkturkrise seit der Weltwirtschaftskrise schwand.

Präsident Mario Draghi sass als Chef der italienischen Notenbank damals im EZB-Rat und auch 2011, als die Zinsen kurz vor der europäischen Schuldenkrise angehoben wurden. Möglicherweise lässt er sich von diesen Erfahrungen leiten und schliesst eine Zinserhöhung bis nach dem Sommer 2019 aus.

Draghis Guidance wurde von den Märkten als umsichtig begrüsst, als sie letzten Monat bekannt gegeben wurde. Ökonomen und Investoren, die eine Zinserhöhung für Mitte 2019 erwartet hatten, haben ihre Prognosen bis in den späteren Jahresverlauf verschoben. Aber einige sehen eine grössere Gefahr - dass die EZB in einer Nullzins-Welt gefangen ist, wenn der Konjunkturzyklus nach unten geht.

"Es besteht ein echtes Risiko, dass die EZB nie anfängt, die Zinsen zu erhöhen", sagte Patrick Artus, Chefökonom bei Natixis in Paris. "Der Konsens ist, dass die EZB Recht hat, aber sie könnte der Entwicklung hinterherhinken und letztlich für lange Zeit Null-Zinsen haben."

Andere Zeiten

Das Argument, vorerst abzuwarten, beruht auf der Tatsache, dass der Inflationsausblick heute ganz anders ist. Im Jahr 2008 lag die Teuerung bei vier Prozent. Heute beträgt die Preissteigerungsrate zwei Prozent, aber das wird grösstenteils durch die Ölkosten verursacht - die Kern-Inflation, ohne Energie und Lebensmittel, ist nur halb so hoch. Das Lohnwachstum beginnt gerade erst anzuziehen und die Konjunktur ist durch zunehmende Handelsspannungen und Populismus bedroht.

"Sie sind sehr vorsichtig, gerade weil sie sich vorher die Finger verbrannt haben", sagte Marco Valli, Ökonom bei UniCredit in Mailand. "Im gegenwärtigen Umfeld ist die Sichtbarkeit für die geldpolitischen Entscheidungsträger sehr gering."

Die Kehrseite ist, dass das Euro-Währungsgebiet robuster als vor zehn Jahren ist und somit höhere Zinsen besser verkraften kann. Neue Instrumente zur Krisenbekämpfung sind vorhanden, die EZB verfügt über eine breitere Palette von Instrumenten, und die Banken im Euro-Währungsgebiet werden genauer unter die Lupe genommen.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat wiederholt davor gewarnt, das Ende der Stimuli aus der Krisen-Ära zu verzögern, und sagte, die geldpolitischen Entscheidungsträger sollten sich nicht durch die Marktvolatilität abschrecken lassen. Ein früheres Handeln würde auch mehr Spielraum schaffen, die Politik zu lockern, wenn der nächste Abschwung eintritt.

(Bloomberg)